Grüner Weg 1, 27793 Wildeshausen

„Wie abfällig in Teilen über uns geurteilt wird, erschüttert mich immer wieder“

Seit sie im vergangenen November zur Vorsitzenden der Athlet*innenkommission (AK) im DOSB und zur Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland (AD) gewählt wurde, kümmert sich Pia Greiten nicht mehr nur aus reinem Interesse um sportpolitische Themen, sondern qua ihrer Ämter. Die 29-Jährige, die 2024 in Paris die olympische Bronzemedaille mit dem Doppelvierer erruderte, studiert zudem „im Hauptberuf“ Bauingenieurwesen. Und dann ist da für die Athletin vom Osnabrücker Ruder-Verein auch noch eine nicht ganz unwesentliche Karriere im Leistungssport zu bewältigen. Darüber, wie sie diese Dreifach-Herausforderung managt, was sie über den Entwurf eines Sportfördergesetzes denkt und warum sie sich eine veränderte Diskussion über Leistung im Sport wünscht, spricht Pia im DOSB-Interview.

DOSB: Pia, am Wochenende stehen in München die Deutschen Kleinboot-Meisterschaften auf dem Programm. Das klingt fast niedlich, dabei ist es eins der wichtigsten Events der Rudersaison. Erläutere bitte einmal, welche Bedeutung die DM für euch als Kaderathlet*innen hat.

Pia Greiten: Alle Kaderathlet*innen im Skullbereich starten im Einer, die im Riemenbereich im Zweier ohne Steuerfrau oder Steuermann. Ich kann nur für mich sprechen, weiß aber, dass es auch für alle anderen sehr prestigeträchtig ist, in der kleinsten Bootsklasse den nationalen Meistertitel zu gewinnen. Für die Qualifikation mit Blick auf die Besetzung der Boote für die internationalen Wettkämpfe sind die Kleinboot-Meisterschaften der wichtigste Wettbewerb.

Warum wird nur in Kleinbooten gefahren und nicht in den Bootsklassen, für die ihr euch qualifizieren wollt?

Weil es darum geht, die Individualleistung zu überprüfen. Der zweite wichtige Faktor neben der Kleinboot-Meisterschaft ist der 2000-Meter-Ergotest, den wir vor zwei Wochen im Rahmen der Langstreckenrennen in Leipzig absolviert haben. Beide gehen in die Leistungsbewertung ein, die darüber entscheidet, wie die verschiedenen Bootsklassen besetzt werden. Die Setzliste für die Meisterschaft wird anhand der Vorleistung bei der Langstrecke erstellt, damit sich die Favoritinnen auf die Besetzung der A-Nationalmannschaft nicht schon im Viertelfinale eliminieren.

Wie lief deine persönliche Vorbereitung, wie würdest du deine Formkurve der vergangenen Monate beschreiben?

Grundsätzlich bin ich mit dem Verlauf meiner Formkurve durchaus zufrieden, auch wenn ich noch nicht da bin, wo ich gern gewesen wäre. Aber ich hatte über den Jahreswechsel über Wochen mit den Folgen einer Influenza zu kämpfen. Umso glücklicher bin ich, dass ich physiologisch gut dastehe. Ich konnte meine persönliche Bestleistung auf dem Ergometer auf 6:35,4 Minuten verbessern und habe das Gefühl, dass mein Körper die Belastungen sehr gut wegsteckt.

Mit welcher Zielstellung gehst du in das kommende Wochenende?

Das ist etwas schwierig zu sagen, weil ich sowohl meine eigene als auch die Leistungsfähigkeit meiner Konkurrentinnen nicht zu 100 Prozent einzuschätzen vermag. Grundsätzlich fahre ich aber zu einer Deutschen Meisterschaft immer mit dem Ziel, dort um die Medaillen zu kämpfen.

Gesetzt den Fall, dass du in München das erhoffte Ziel erreichst und dich für den A-Kader qualifizierst: Wie sieht deine weitere Saisonplanung aus?

Mein Ziel ist, bei den internationalen Saisonhöhepunkten, also der EM Anfang August in Italien und der WM Ende August in Amsterdam, im priorisierten Boot zu sitzen. Noch ist nicht klar kommuniziert, ob das der Doppelzweier oder der Doppelvierer sein wird. Aber wir haben ein starkes Team und mir ist bewusst, dass ich dafür meine Topleistung erreichen muss.

Nach Jahren, in denen es im deutschen Frauenrudern vor allem im Riemenbereich sehr schwierig war, scheint im DRV eine Art Aufbruchstimmung zu herrschen. Wie nimmst du das wahr?

Genauso. Wir haben wieder ein großes Team mit viel Konkurrenz, was sehr schön und wichtig ist, um bei den Großevents in allen Bootsklassen international konkurrenzfähig zu sein. Im Team herrscht eine sehr positive Energie, alle haben Bock, wieder etwas zu erreichen und geben alles dafür, 2028 in Los Angeles mit mehr Booten als in Paris an den Start zu gehen. Wir trainieren mit Skull -und Riemenbereich gemeinsam in Berlin, und der Wandel im Team ist sehr deutlich zu spüren.

Die Regattastrecke in München, auf der die DM stattfindet, ist geschichtsträchtig, 1972 wurde dort um Olympiamedaillen gekämpft, 50 Jahre später fanden dort die European Championships statt. Welche Bedeutung hat sie für euch im DRV?

Die Spiele von 1972 sind bei mir und dem Team natürlich nicht so präsent. Aber die Strecke wird auch im Junior*innenbereich intensiv genutzt, so dass die meisten von uns sehr viel Erfahrung mit ihr haben. Persönlich mag ich Anlagen, die als Regattastrecke konzipiert und gebaut wurden, besonders gern. Sie sind komprimierter, das Publikum ist nah dran. Deshalb fahre ich sehr gern nach Oberschleißheim, auch wenn meine Erfahrungen aus sportlicher Sicht durchaus gemischt sind.

Neben deiner sportlichen Karriere bist du seit November 2025 an herausgehobenen Stellen auch sportpolitisch sehr aktiv. Wie würdest du deine ersten Erfahrungen als Vorsitzende der DOSB-Athlet*innenkommission und Präsidentin von Athleten Deutschland zusammenfassen?

Die ersten Monate waren definitiv sehr aufregend. Für mich ging es zunächst darum, mir einen Überblick über die verschiedenen Themenbereiche zu verschaffen. Zum Glück haben wir in beiden Organisationen ein sehr starkes Team, das sehr viel Energie und Professionalität in die Aufgaben steckt.

Wie funktioniert die Arbeitsteilung konkret? Bist du diejenige, die den großen Rahmen vorgibt und den Überblick über alle Themen behält?

Ich denke schon, dass ich einen guten Überblick über all unsere Aufgaben habe. Im Präsidiums- und Kommissionsteam sind wir aber alle gleichgestellt, ich gebe nichts vor. Ich bin auch nicht in Gremien vertreten, die die Themen schwerpunktmäßig bearbeiten und daher auch nicht diejenige, die sich zu allem äußern muss. Dafür haben wir Expert*innen in den verschiedenen Themenbereichen. Wenn es um aktuelle Themen geht, schauen wir zudem, wer gerade Kapazitäten hat. Da wir alle ehrenamtlich arbeiten, müssen wir darauf achten, dass in entscheidenden Phasen niemand überlastet wird.

Zu Beginn deiner Amtszeit konntest du die zeitliche Beanspruchung durch die beiden Ämter noch nicht einschätzen. Wie hoch ist sie denn nun?

Ich führe darüber kein Protokoll, und es ist auch von Woche zu Woche unterschiedlich. Es kommen schon so einige Stunden zusammen, insbesondere Kurzfristigkeit von Themen ist eine Herausforderung. Aber mit einem guten Zeitmanagement, und das sollten Leistungssportler*innen haben, ist das alles auch mit dem Studium gut unter einen Hut zu bekommen.

Als Vorsitzende der AK und Präsidentin von AD, deren Führungsstruktur personengleich ist, trägst du zwei Hüte. Wie bewertest du mit ein paar Monaten Erfahrung die Herausforderung der Doppelfunktion? Wie schwierig ist es, die Trennschärfe zu bewahren?

Personengleich sind beide Gremien nicht, in der AK sitzen neben dem AD-Präsidium Kim Bui, Ronald Rauhe und Jello Krahmer. Alica Gebhardt, die bei AD im Präsidium sitzt, ist nicht Teil der AK. Die Doppelfunktion empfinde ich nicht als schwierig, weil ich nicht glaube, dass es eine klare Trennung braucht. Im Vordergrund beider Aufgaben steht, dass wir die Athlet*innen vertreten. Natürlich gibt es Themen, die wir eher mit der AK bespielen, wenn sie DOSB-intern oder dem DOSB besonders wichtig sind. Andere Themen sind für AD wichtiger und erhalten darüber mehr Konzentration von dieser Seite. Es ist wichtig zu wissen, dass wir unsere Arbeit in der AK ohne die Unterstützung von AD nicht machen könnten. In der AK haben wir eine gering beschäftigte Kraft, die uns unterstützt. Für AD sind Hauptamtliche täglich mit den Belangen von Athlet*innen befasst. Wir können unsere Kapazitäten für die AK viel mehr nutzen, weil uns viele Dinge abgenommen werden und wir auf eine Basis zurückgreifen können, die wir ehrenamtlich nicht bearbeiten könnten.

Es fällt auf, dass sich AD zu manchen Themen wie zum Beispiel dem Ausschluss von Fridtjof Petzold aus der DESG sehr deutlich positioniert, zu anderen wie dem Konflikt im DAV, der ja ebenfalls stark die Athlet*innen betrifft, wiederum nicht. Worin liegt das begründet?

Wir wägen sehr sorgfältig ab, zu welchen Themen wir uns öffentlich äußern, und prüfen, ob wir dazu belastbare Aussagen treffen können. Dasselbe macht der DOSB auch. Es gibt sicherlich bestimmte Gründe, warum zu den genannten Beispielen nicht proaktiv Stellung bezogen wurde.

Wenn du als Präsidentin von AD sprichst, scheinst du medial deutlich intensiver wahrgenommen zu werden als in der DOSB-Funktion. Warum ist das so, und wie ließe sich das ändern?

Zum einen liegt es daran, dass Athleten Deutschland als unabhängige Vertretung wahrgenommen wird, die nicht mit dem DOSB verbunden ist. Das wirkt auf viele Medien objektiver, als wenn sich die verbandsinterne Kommission äußert. Zum anderen hat sich der Verein seit der Gründung 2017 einen politischen Stellenwert erarbeitet, dank dem sich besser Themen platzieren lassen, die öffentliche Relevanz haben. Diese Kraft ist nicht zu unterschätzen.

Aber als Vorsitzende der DOSB-AK sprichst du für alle Athlet*innen, bei AD nur für dessen Mitglieder. Steckt dahinter nicht eine viel größere Kraft?

Ich sehe diese Trennung nicht als entscheidend an. Athleten Deutschland spricht Themen an, die alle Athlet*innen betreffen und die für deren Fortkommen und Weiterentwicklung nützlich sein können. Insofern halte ich es nicht für notwendig, daran etwas zu ändern. Wichtig ist, dass die Themen in der Öffentlichkeit Gehör finden. Zudem ist AD über das Hauptamt viel besser in der Lage, Meinungsbilder einzuholen und intensiver mit Athlet*innen ins Gespräch zu gehen, als wir es im Ehrenamt jemals könnten. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Hundert Anliegen von Athlet*innen bearbeitet und somit Expertise aufgebaut, von der auch der DOSB profitieren kann.

Hast du denn das Gefühl, dass die Sicht der Athlet*innen im DOSB nicht ausreichend wahr- und vor allem auch ernst genommen wird?

Ohne ins Detail gehen zu wollen, möchte ich es so formulieren: Der Status Quo ist zumindest nicht zufriedenstellend. Wir arbeiten als Athlet*innenkommission intensiv daran, dass das besser wird. Und aus dem DOSB, insbesondere aus dem Vorstand, bekommen wir auch entsprechende Zeichen, dass das ernst genommen wird. Allerdings muss die Zukunft zeigen, wie ernst die Einbindung seiner Spitzenathlet*innen dem DOSB wirklich ist.

„Wie abfällig in Teilen über uns geurteilt wird, erschüttert mich immer wieder“

Seit sie im vergangenen November zur Vorsitzenden der Athlet*innenkommission (AK) im DOSB und zur Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland (AD) gewählt wurde, kümmert sich Pia Greiten nicht mehr nur aus reinem Interesse um sportpolitische Themen, sondern qua ihrer Ämter. Die 29-Jährige, die 2024 in Paris die olympische Bronzemedaille mit dem Doppelvierer erruderte, studiert zudem „im Hauptberuf“ Bauingenieurwesen. Und dann ist da für die Athletin vom Osnabrücker Ruder-Verein auch noch eine nicht ganz unwesentliche Karriere im Leistungssport zu bewältigen. Darüber, wie sie diese Dreifach-Herausforderung managt, was sie über den Entwurf eines Sportfördergesetzes denkt und warum sie sich eine veränderte Diskussion über Leistung im Sport wünscht, spricht Pia im DOSB-Interview.

DOSB: Pia, am Wochenende stehen in München die Deutschen Kleinboot-Meisterschaften auf dem Programm. Das klingt fast niedlich, dabei ist es eins der wichtigsten Events der Rudersaison. Erläutere bitte einmal, welche Bedeutung die DM für euch als Kaderathlet*innen hat.

Pia Greiten: Alle Kaderathlet*innen im Skullbereich starten im Einer, die im Riemenbereich im Zweier ohne Steuerfrau oder Steuermann. Ich kann nur für mich sprechen, weiß aber, dass es auch für alle anderen sehr prestigeträchtig ist, in der kleinsten Bootsklasse den nationalen Meistertitel zu gewinnen. Für die Qualifikation mit Blick auf die Besetzung der Boote für die internationalen Wettkämpfe sind die Kleinboot-Meisterschaften der wichtigste Wettbewerb.

Warum wird nur in Kleinbooten gefahren und nicht in den Bootsklassen, für die ihr euch qualifizieren wollt?

Weil es darum geht, die Individualleistung zu überprüfen. Der zweite wichtige Faktor neben der Kleinboot-Meisterschaft ist der 2000-Meter-Ergotest, den wir vor zwei Wochen im Rahmen der Langstreckenrennen in Leipzig absolviert haben. Beide gehen in die Leistungsbewertung ein, die darüber entscheidet, wie die verschiedenen Bootsklassen besetzt werden. Die Setzliste für die Meisterschaft wird anhand der Vorleistung bei der Langstrecke erstellt, damit sich die Favoritinnen auf die Besetzung der A-Nationalmannschaft nicht schon im Viertelfinale eliminieren.

Wie lief deine persönliche Vorbereitung, wie würdest du deine Formkurve der vergangenen Monate beschreiben?

Grundsätzlich bin ich mit dem Verlauf meiner Formkurve durchaus zufrieden, auch wenn ich noch nicht da bin, wo ich gern gewesen wäre. Aber ich hatte über den Jahreswechsel über Wochen mit den Folgen einer Influenza zu kämpfen. Umso glücklicher bin ich, dass ich physiologisch gut dastehe. Ich konnte meine persönliche Bestleistung auf dem Ergometer auf 6:35,4 Minuten verbessern und habe das Gefühl, dass mein Körper die Belastungen sehr gut wegsteckt.

Mit welcher Zielstellung gehst du in das kommende Wochenende?

Das ist etwas schwierig zu sagen, weil ich sowohl meine eigene als auch die Leistungsfähigkeit meiner Konkurrentinnen nicht zu 100 Prozent einzuschätzen vermag. Grundsätzlich fahre ich aber zu einer Deutschen Meisterschaft immer mit dem Ziel, dort um die Medaillen zu kämpfen.

Gesetzt den Fall, dass du in München das erhoffte Ziel erreichst und dich für den A-Kader qualifizierst: Wie sieht deine weitere Saisonplanung aus?

Mein Ziel ist, bei den internationalen Saisonhöhepunkten, also der EM Anfang August in Italien und der WM Ende August in Amsterdam, im priorisierten Boot zu sitzen. Noch ist nicht klar kommuniziert, ob das der Doppelzweier oder der Doppelvierer sein wird. Aber wir haben ein starkes Team und mir ist bewusst, dass ich dafür meine Topleistung erreichen muss.

Nach Jahren, in denen es im deutschen Frauenrudern vor allem im Riemenbereich sehr schwierig war, scheint im DRV eine Art Aufbruchstimmung zu herrschen. Wie nimmst du das wahr?

Genauso. Wir haben wieder ein großes Team mit viel Konkurrenz, was sehr schön und wichtig ist, um bei den Großevents in allen Bootsklassen international konkurrenzfähig zu sein. Im Team herrscht eine sehr positive Energie, alle haben Bock, wieder etwas zu erreichen und geben alles dafür, 2028 in Los Angeles mit mehr Booten als in Paris an den Start zu gehen. Wir trainieren mit Skull -und Riemenbereich gemeinsam in Berlin, und der Wandel im Team ist sehr deutlich zu spüren.

Die Regattastrecke in München, auf der die DM stattfindet, ist geschichtsträchtig, 1972 wurde dort um Olympiamedaillen gekämpft, 50 Jahre später fanden dort die European Championships statt. Welche Bedeutung hat sie für euch im DRV?

Die Spiele von 1972 sind bei mir und dem Team natürlich nicht so präsent. Aber die Strecke wird auch im Junior*innenbereich intensiv genutzt, so dass die meisten von uns sehr viel Erfahrung mit ihr haben. Persönlich mag ich Anlagen, die als Regattastrecke konzipiert und gebaut wurden, besonders gern. Sie sind komprimierter, das Publikum ist nah dran. Deshalb fahre ich sehr gern nach Oberschleißheim, auch wenn meine Erfahrungen aus sportlicher Sicht durchaus gemischt sind.

Neben deiner sportlichen Karriere bist du seit November 2025 an herausgehobenen Stellen auch sportpolitisch sehr aktiv. Wie würdest du deine ersten Erfahrungen als Vorsitzende der DOSB-Athlet*innenkommission und Präsidentin von Athleten Deutschland zusammenfassen?

Die ersten Monate waren definitiv sehr aufregend. Für mich ging es zunächst darum, mir einen Überblick über die verschiedenen Themenbereiche zu verschaffen. Zum Glück haben wir in beiden Organisationen ein sehr starkes Team, das sehr viel Energie und Professionalität in die Aufgaben steckt.

Wie funktioniert die Arbeitsteilung konkret? Bist du diejenige, die den großen Rahmen vorgibt und den Überblick über alle Themen behält?

Ich denke schon, dass ich einen guten Überblick über all unsere Aufgaben habe. Im Präsidiums- und Kommissionsteam sind wir aber alle gleichgestellt, ich gebe nichts vor. Ich bin auch nicht in Gremien vertreten, die die Themen schwerpunktmäßig bearbeiten und daher auch nicht diejenige, die sich zu allem äußern muss. Dafür haben wir Expert*innen in den verschiedenen Themenbereichen. Wenn es um aktuelle Themen geht, schauen wir zudem, wer gerade Kapazitäten hat. Da wir alle ehrenamtlich arbeiten, müssen wir darauf achten, dass in entscheidenden Phasen niemand überlastet wird.

Zu Beginn deiner Amtszeit konntest du die zeitliche Beanspruchung durch die beiden Ämter noch nicht einschätzen. Wie hoch ist sie denn nun?

Ich führe darüber kein Protokoll, und es ist auch von Woche zu Woche unterschiedlich. Es kommen schon so einige Stunden zusammen, insbesondere Kurzfristigkeit von Themen ist eine Herausforderung. Aber mit einem guten Zeitmanagement, und das sollten Leistungssportler*innen haben, ist das alles auch mit dem Studium gut unter einen Hut zu bekommen.

Als Vorsitzende der AK und Präsidentin von AD, deren Führungsstruktur personengleich ist, trägst du zwei Hüte. Wie bewertest du mit ein paar Monaten Erfahrung die Herausforderung der Doppelfunktion? Wie schwierig ist es, die Trennschärfe zu bewahren?

Personengleich sind beide Gremien nicht, in der AK sitzen neben dem AD-Präsidium Kim Bui, Ronald Rauhe und Jello Krahmer. Alica Gebhardt, die bei AD im Präsidium sitzt, ist nicht Teil der AK. Die Doppelfunktion empfinde ich nicht als schwierig, weil ich nicht glaube, dass es eine klare Trennung braucht. Im Vordergrund beider Aufgaben steht, dass wir die Athlet*innen vertreten. Natürlich gibt es Themen, die wir eher mit der AK bespielen, wenn sie DOSB-intern oder dem DOSB besonders wichtig sind. Andere Themen sind für AD wichtiger und erhalten darüber mehr Konzentration von dieser Seite. Es ist wichtig zu wissen, dass wir unsere Arbeit in der AK ohne die Unterstützung von AD nicht machen könnten. In der AK haben wir eine gering beschäftigte Kraft, die uns unterstützt. Für AD sind Hauptamtliche täglich mit den Belangen von Athlet*innen befasst. Wir können unsere Kapazitäten für die AK viel mehr nutzen, weil uns viele Dinge abgenommen werden und wir auf eine Basis zurückgreifen können, die wir ehrenamtlich nicht bearbeiten könnten.

Es fällt auf, dass sich AD zu manchen Themen wie zum Beispiel dem Ausschluss von Fridtjof Petzold aus der DESG sehr deutlich positioniert, zu anderen wie dem Konflikt im DAV, der ja ebenfalls stark die Athlet*innen betrifft, wiederum nicht. Worin liegt das begründet?

Wir wägen sehr sorgfältig ab, zu welchen Themen wir uns öffentlich äußern, und prüfen, ob wir dazu belastbare Aussagen treffen können. Dasselbe macht der DOSB auch. Es gibt sicherlich bestimmte Gründe, warum zu den genannten Beispielen nicht proaktiv Stellung bezogen wurde.

Wenn du als Präsidentin von AD sprichst, scheinst du medial deutlich intensiver wahrgenommen zu werden als in der DOSB-Funktion. Warum ist das so, und wie ließe sich das ändern?

Zum einen liegt es daran, dass Athleten Deutschland als unabhängige Vertretung wahrgenommen wird, die nicht mit dem DOSB verbunden ist. Das wirkt auf viele Medien objektiver, als wenn sich die verbandsinterne Kommission äußert. Zum anderen hat sich der Verein seit der Gründung 2017 einen politischen Stellenwert erarbeitet, dank dem sich besser Themen platzieren lassen, die öffentliche Relevanz haben. Diese Kraft ist nicht zu unterschätzen.

Aber als Vorsitzende der DOSB-AK sprichst du für alle Athlet*innen, bei AD nur für dessen Mitglieder. Steckt dahinter nicht eine viel größere Kraft?

Ich sehe diese Trennung nicht als entscheidend an. Athleten Deutschland spricht Themen an, die alle Athlet*innen betreffen und die für deren Fortkommen und Weiterentwicklung nützlich sein können. Insofern halte ich es nicht für notwendig, daran etwas zu ändern. Wichtig ist, dass die Themen in der Öffentlichkeit Gehör finden. Zudem ist AD über das Hauptamt viel besser in der Lage, Meinungsbilder einzuholen und intensiver mit Athlet*innen ins Gespräch zu gehen, als wir es im Ehrenamt jemals könnten. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Hundert Anliegen von Athlet*innen bearbeitet und somit Expertise aufgebaut, von der auch der DOSB profitieren kann.

Hast du denn das Gefühl, dass die Sicht der Athlet*innen im DOSB nicht ausreichend wahr- und vor allem auch ernst genommen wird?

Ohne ins Detail gehen zu wollen, möchte ich es so formulieren: Der Status Quo ist zumindest nicht zufriedenstellend. Wir arbeiten als Athlet*innenkommission intensiv daran, dass das besser wird. Und aus dem DOSB, insbesondere aus dem Vorstand, bekommen wir auch entsprechende Zeichen, dass das ernst genommen wird. Allerdings muss die Zukunft zeigen, wie ernst die Einbindung seiner Spitzenathlet*innen dem DOSB wirklich ist.

„Die wichtigsten Rennen werden im Endspurt entschieden“

DOSB: Am 19. April stehen die entscheidenden Referenden in der Region KölnRheinRuhr und in Kiel an. Welche Rolle spielen die Erfahrungen aus dem erfolgreichen Referendum in München für die aktuellen Bürgerentscheide?

Thomas Weikert: Die erfolgreiche Abstimmung in München hat dem gesamten Prozess natürlich Rückenwind gegeben. Es hat sich gezeigt, dass Referenden zur Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele durchaus gewonnen werden können. München war das erste erfolgreiche Referendum zu Sommerspielen weltweit. Wichtig war und ist es in unserem Prozess, dass Sport, Politik und Wirtschaft mit einer Stimme sprechen und den Fokus auf die allein schon durch die Bewerbung entstehenden Chancen für viele gesellschaftliche Bereiche zu legen. In einer offenen, positiven und emotionalen Art und Weise. Das hat viele Menschen überzeugt. Ich hoffe, das ist auch bei den Abstimmungen sowohl in Kiel als auch in KölnRheinRuhr wieder der Fall. Die wichtigsten Rennen werden bekanntlich im Endspurt entschieden. Ich wünsche mir daher, dass die Bürgerinnen und Bürger in NRW sowie Kiel von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch machen und die letzten Tage bis zum Sonntag noch zahlreich zur Stimmabgabe nutzen. Wobei ich darum bitte zu bedenken, dass es in NRW nicht die Möglichkeit gibt, am Sonntag Wahllokale zu nutzen. Die Unterlagen müssen per Brief am besten bis spätestens Mittwoch abgesendet oder bis zum Sonntag im jeweiligen Rathaus abgegeben werden. 

Wie wichtig ist der Ausgang der kommenden Referenden für den weiteren Prozess?

Mit München hat bereits ein nationaler Bewerber das Ziel erreicht. Insofern geht es am kommenden Sonntag nicht mehr um die Frage, ob es eine deutsche Bewerbung geben wird, sondern darum, ob es Olympische und Paralympische Spiele in KölnRheinRuhr beziehungsweise Segeln in Kiel geben kann. Wir hoffen, dass sich die Sportbegeisterung, die wir an Rhein und Ruhr und an der Ostsee seit Wochen erleben, auch in der Wahlbeteiligung widerspiegelt. Das würde erneut unter Beweis stellen, wie sehr die Idee von Olympischen und Paralympischen Spielen die Menschen in Deutschland bewegt.