Expertisen gemeinsam ergründen und Potenziale voll ausschöpfen
Würde man in Deutschland Menschen auf der Straße fragen, welche Themenfelder die Mitglieder einer Athlet*innenkommission bearbeiten, wäre die Antwort – neben einer gewissen Portion Ratlosigkeit – wahrscheinlich in vielen Fällen identisch. Athlet*innenvertretungen kümmern sich um die Belange ihresgleichen, sie setzen sich für bessere Trainingsmöglichkeiten, höhere Vergütung und mehr Wertschätzung ein. Sie sind Bindeglieder zwischen Verbandsfunktionären und Aktiven. Sie sprechen für die jeweilige Gruppe, die sie vertreten, und unterstreichen mit ihrem Engagement, dass im Sport Gemeinschaft wichtiger ist als Eigennutz, wenn man Ziele erreichen möchte.
Alles richtig, aber manchmal eben auch zu kurz gedacht. Deshalb möchte ich euch mit Marc Schuh bekannt machen. Marc war viele Jahre als Para-Leichtathlet im Rollstuhlsprint aktiv, er war Weltmeister über 400 Meter, nahm an den Paralympischen Spielen 2008 in Peking, 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro teil. Und er war als Athletensprecher extrem engagiert. Das ist allerdings längst nicht alles, denn der heute 36 Jahre alte Bergisch-Gladbacher hat auch Physik studiert. Und da beginnt der Teil der Geschichte, der mich zu meinem heutigen Kolumnenthema führt.
Marc Schuh entwickelte für den DBS ein Bewertungssystem
Rund um die Paralympics in Rio stand der Deutsche Behindertensportverband (DBS) vor der Aufgabe, dem Bundesministerium des Innern (BMI) eine kriteriengeleitete Budgetierung zu präsentieren, nach der künftig die Förderung der verschiedenen Sportabteilungen ausgerichtet sein sollte. Das, was der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit dem Analyse-Tool PotAS umzusetzen versuchte, war nun auch im Behindertensport gewünscht. Also ging der DBS an die Umsetzung und entwickelte ein System, in dem eine Bepunktung der Sportarten deren Förderfähigkeit einordnen sollte.
Das Problem: Es war eine Punktobergrenze vorgesehen, oberhalb derer Sportarten nicht mehr in höhere Förderkategorien klettern konnten. Für Schwimmen und Leichtathletik, die diese Obergrenze bei ihrer Einführung schon erreicht hatten, fehlte also zum Beispiel der Anreiz, sich verbessern zu können. Aus ökonomischer Sicht gab es keine Incentivierung für weitere Anstrengungen. Und da kam Marc ins Spiel, der damals am Max-Planck-Institut für Kernphysik promovierte. Er bot dem DBS an, eine mathematische Modellierung zu entwerfen, bei der die Punkte nicht linear gewertet werden. Die ersten Punkte fallen stärker ins Gewicht, damit kleine Sportarten eine ausreichende Förderung erhalten. Sportarten mit vielen Punkten erhalten für jeden weiteren Punkt weiterhin mehr Budget, ohne die kleinen Sportarten zu verdrängen. Ein entsprechend parametrisierter Logarithmus kann eine solche Gewichtung transparent darstellen.
Wie der Sport die deutsch-französische Freundschaft fördert
Die Entwicklungen bei der Tour de France verfolgt sie nicht täglich. Aber dass die wichtigste Radrundfahrt der Welt einen gewissen Einfluss auf ihr berufliches Wirken hat, kann und möchte Isabelle Dibao-Dina nicht verhehlen. „Die Tour trägt dazu bei, dass Frankreich stärker ins Blickfeld der deutschen Sportfans rückt, und das kann auch für unsere Arbeit einen positiven Effekt haben“, sagt die 42-Jährige. Im Ressort Internationale Jugendarbeit der Deutschen Sportjugend (dsj) ist Isabelle gemeinsam mit ihrer Kollegin Carina Weber-Bougherfa für das Thema „Deutsch-französische Beziehungen“ zuständig. Die Vollzeitstelle, die sich die beiden teilen, ist die innerhalb des Ressorts am längsten existierende. Mit der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) im Rahmen des von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatspräsident Charles de Gaulle unterzeichneten Elysée-Vertrags von 1963 wurden auch die sportlichen Beziehungen der beiden Nachbarländer auf eine vertragliche Grundlage gestellt, von der sie bis heute profitieren.
18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sollte der Elysée-Vertrag die Aussöhnung der beiden Völker unterstützen und über das Jugendwerk den jungen Menschen das Kennenlernen und Schließen von Freundschaften erleichtern. „Heute ist das Ziel zum Glück ein anderes, es geht nicht mehr um Versöhnung, sondern um das Vertiefen der Freund- und Partnerschaft“, sagt Isabelle, die im wahrsten Wortsinn ein Kind ihrer Institution ist. Ihre Eltern – Vater Franzose, Mutter Deutsche – lernten sich über ein Freundschaftsprogramm kennen. Sie wuchs im Elsass auf, lebt aber seit mehr als 15 Jahren in Frankfurt am Main, wo sie zunächst für das Ressort Internationales im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) arbeitete und vor zwölf Jahren in dessen Jugendorganisation wechselte.
Jedes Sportorgan kann einen Antrag auf Förderung stellen
„Unser Ziel ist eine stetige Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich auf sportlicher Ebene“, sagt sie. Angesichts der politischen Lage mit starken rechtsnationalen Strömungen in beiden Ländern sei diese Aufgabe „vielleicht wichtiger denn je, weil wir spüren, wie notwendig es ist, gemeinsame Werte zu vermitteln und zu stärken.“ Zwar sei der Austausch in den Grenzregionen angesichts der räumlichen Nähe intensiver, „aber wir erreichen sowohl bundesweit als auch in ganz Frankreich viele Träger, die den Austausch fördern. Das schließt auch die Übersee-Regionen wie Guadeloupe, Martinique oder La Réunion ein, in denen Frankreich bis heute Einfluss hat.“
Jedes Sportorgan, vom kleinsten Verein bis zum größten Verband, kann bei der dsj einen Antrag auf Förderung eines Freundschaftsprojekts oder Partnerschaftsprogramms stellen. In Frankreich wird die Förderung vom Nationalen Olympischen Komitee finanziert. Vom DFJW erhalten beide Seiten aktuell eine gemeinsame Fördersumme von insgesamt 950.000 Euro pro Jahr. „Davon können wir auf deutscher Seite rund 80 Anträge fördern“, sagt Isabelle. Inhaltlich geht es in diesen Anträgen immer um den gegenseitigen Austausch. Man trainiert gemeinsam oder bestreitet Lehrgänge. „Oft ist man gegenseitig in Gastfamilien untergebracht, lernt dadurch den Alltag der anderen kennen und erhält neue Perspektiven.“ Ebenso wichtig sind kulturelle Inhalte, „es sollte aber nicht nur um Sightseeing gehen. Außerdem sind ausschließliche Turnier- oder Wettkampfteilnahmen nicht förderfähig, es braucht Inhalte, die über den reinen sportlichen Wettkampf hinausgehen.“
DOSB begrüßt Einigung zum Sportfördergesetz
Der Spitzensport bekommt in Deutschland damit erstmals eine explizite gesetzliche Grundlage auf Bundesebene und mit der Spitzensportagentur einen neuen Motor für mehr Erfolg und mehr Medaillen.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ist mit den Änderungen auf den letzten Metern im Großen und Ganzen zufrieden. Jetzt müssen alle die neuen Grundlagen nutzen, die Agentur arbeitsfähig machen und unseren Athlet*innen damit beste Rahmenbedingungen bieten. Der DOSB begrüßt ausdrücklich die Einigung der Regierungskoalition und dankt insbesondere den Berichterstattern Stephan Mayer (CDU/CSU) und Bettina Lugk (SPD) für ihren Einsatz. Die Zustimmung der Grünen beweist die breite Unterstützung, die das Reformvorhaben in der Politik hat.
DOSB-Präsident Thomas Weikert: „Wir wollen Deutschland zurück in die Weltspitze des Sports führen. Wir wollen ein System gestalten, das nachhaltige Spitzenleistungen hervorbringt. Wir wollen unseren Athlet*innen beste Bedingungen für internationalen Erfolg bieten. Mit der Einigung zum Sportfördergesetz rücken wir diesen Zielen ein deutliches Stück näher. Gerade vor dem Hintergrund einer deutschen Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele ist klar: Wir wollen vorne mitspielen – erst recht bei Spielen zuhause. Das Gesetz bietet eine gute Grundlage, auf der wir Erfolge aufbauen können.“


