Eine Botschafterin für alles Gute im Leben
Ausnahmen bestätigen jede Regel. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass es Menschen gibt, die aus einem Gespräch mit Yusra Mardini schlechter gelaunt herauskommen, als sie hineingegangen sind. Was nicht nur an dem liegt, was die 28-Jährige sagt, sondern auch daran, wie sie Dinge verbal zu verpacken weiß. „Sieh das Gute in allen Lebenslagen“, das ist ihr Lebensmotto. Wer ihre Geschichte kennt, weiß einzuordnen, dass ihr dieses Motto oftmals geholfen hat, um sich über Wasser zu halten, manches Mal sogar im wahrsten Wortsinn. Dass sie heute, rund elf Jahre nachdem ihr Leben die wohl einschneidendste Wende nahm, die man sich vorstellen kann, ihre Wortgewalt auch im Deutschen Olympischen Sportbund einbringt, ist ein Geschenk. Für beide Seiten, wie Yusra im Gespräch bestätigt. Aber dazu später mehr.
Im August 2015 war die damals 17-Jährige in Begleitung ihrer drei Jahre älteren Schwester Sara aus ihrer vom Krieg schwer gezeichneten Heimat Syrien nach Europa geflohen. Was ihnen auf der Überfahrt aus der Türkei auf die griechische Insel Lesbos passierte, ist spätestens im 2022 auf Netflix erschienenen Doku-Drama „Die Schwimmerinnen“ der Welt bekannt gemacht worden. Weil an ihrem vollkommen überlasteten Schlauchboot der Außenbordmotor ausfiel und das Gefährt mit mehreren Nichtschwimmern an Bord zu kentern drohte, sprangen die Mardini-Schwestern, die damals beide zum syrischen Nationalkader zählten, ins Wasser und hielten das Boot über mehrere Stunden auf Kurs, bis das rettende Ufer erreicht war. Es folgte eine nervenaufreibende Reise über die Balkan-Route bis nach Berlin, wo die beiden unter Obhut des damaligen Cheftrainers Sven Spannekrebs bei den Wasserfreunden Spandau 04 ein neues Leben beginnen konnten.
2016 startete Yusra in Rio für das Refugee Olympic Team
2016 startete Yusra für das Refugee Olympic Team des Internationalen Olympischen Komitees bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Für ihre Bekanntheit in der Sportwelt war das der Durchbruch, für die Athletin selbst der Startschuss zu einem Medien-Marathon. Viele Male musste sie ihre Geschichte erzählen, 2018 verarbeitete sie ihre Erlebnisse in ihrer Biografie „Butterfly“, deren Titel an ihren favorisierten Schwimmstil angelehnt ist. 2021 war sie bei den Sommerspielen in Tokio Fahnenträgerin des Geflüchteten-Teams, und als kurz darauf die Anfrage aus dem DOSB kam, ob sie sich vorstellen könne, als Persönliches Mitglied eine Rolle im Dachverband des deutschen Sports zu übernehmen, habe sie keine Sekunde mit der Zusage gezögert, sagt sie. „Der DOSB hat mir nach meiner Ankunft in Deutschland so viel gegeben, ich wurde von allen Seiten so großartig unterstützt, dass es für mich sofort klar war, dass ich gern etwas zurückgeben wollte“, sagt sie.
Sven Spannekrebs erinnert sich ebenfalls an die Anfrage, die der damalige DOSB-Pressesprecher Michael Schirp initiiert hatte. „Es gab keine Zweifel, dass Yusra es macht, auch wenn wir nicht wussten, was diese Aufgabe beinhaltet“, sagt der Mann, der für Yusra bis heute einer der engsten Vertrauten ist. Gemeinsam gründeten sie am 20. Juni 2023, dem Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen, eine Stiftung, die in Deutschland unter dem Namen „Butterfly by Yusra Mardini“ firmiert und international als „Yusra Mardini Foundation“ agiert. Mit beiden Vereinen versucht die ehemalige Spitzenathletin, die bei der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR als Goodwill Ambassador tätig ist, Geflüchteten in aller Welt Zugang zu Sport und Bildung zu ermöglichen.
Ihren Wohnsitz in den USA, wo sie nach dem Ende ihrer Karriere im Jahr 2022 ein Studium aufgenommen hatte, hat Yusra mittlerweile aufgegeben. Ihre Projekte steuert sie aus dem Nahen Osten und Berlin, wo ihre Familie lebt. „Ich bin aber so viel auf Reisen, dass ich keine feste Basis habe“, sagt sie. Als Heimat bezeichnet sie Deutschland, dessen Staatsbürgerin sie seit vier Jahren ist, und Syrien, wo sie aktuell ein neues Projekt anschiebt, für das sie auf Unterstützung der Bundesregierung hofft. „Dort gibt es noch immer zweieinhalb Millionen Kinder, die auf der Straße leben und keinerlei Möglichkeiten haben, mit Sport und Bildung in Kontakt zu kommen. Es ist für mich eine Herzensangelegenheit, deren Lage zu verbessern, denn das Einzige, das Kinder aus ihrem Leid herausholen kann, ist der Sport“, sagt sie.
„Die DOA muss das Schnellboot der olympischen Bildung sein“
DOSB: Miri, du bist Mutter zweier kleiner Mädchen, arbeitest im Hauptberuf im Polizeidienst, bist ehrenamtlich im Präsidium des DOSB und bei der Sporthilfe in Rheinland-Pfalz engagiert. Ketzerisch gefragt: Warum brauchte es nun noch das Ehrenamt als Vorsitzende der Deutschen Olympischen Akademie?
Miriam Welte: Das ist eine berechtigte Frage. Dank meines Amtes im DOSB-Präsidium war ich in den Vorstand der DOA entsandt und habe gespürt, dass dort viel Arbeit anliegt, die mir wichtig ist. Das Thema olympische Bildung liegt mir extrem am Herzen. Ich sehe, nicht zuletzt auch durch meine eigenen Kinder, dass Sport und Bewegung in unserer Gesellschaft und vor allem bei Kindern und Jugendlichen einen immer geringeren Stellenwert haben. Dadurch gehen Werte verloren, die ich für unerlässlich halte, und die gesundheitlichen Auswirkungen von Bewegungsmangel sind uns allen bekannt. Gleichzeitig steht die DOA an einem wichtigen strategischen Punkt. Nach dem Ausscheiden von Gudrun Doll-Tepper war klar, dass wir nicht einfach im Status quo weitermachen können, sondern die Akademie inhaltlich und strukturell neu ausrichten müssen. Als ich gefragt wurde, ob ich bis zu den Neuwahlen kommissarisch Verantwortung übernehmen würde, war für mich deshalb schnell klar: Ich möchte diesen Prozess aktiv mitgestalten. Trotz meiner anderen Verpflichtungen habe ich mich dazu entschieden. Und ich mache das gern!
Die IOC-Charta besagt, dass die olympische Bildung im Zuständigkeitsbereich der Nationalen Olympischen Komitees liegt. Der DOSB könnte sich also auch selbst darum kümmern. Warum braucht es aus deiner Sicht aber die Akademie?
Der DOSB könnte olympische Bildung selbstverständlich selbst organisieren. Die entscheidende Frage ist aber, welche Struktur dafür langfristig die größte Wirkung entfaltet. Ich bin überzeugt, dass die DOA gerade durch ihre eigenständige Rolle einen besonderen Mehrwert für die olympische Bewegung bietet.
Worin liegt dieser besondere Mehrwert konkret?
Die DOA bringt einen vielfältigen, fundierten und zugleich gesellschaftlich orientierten Blick auf die Sinn-, Werte- und Grundsatzfragen des Sports ein. Sie ergänzt damit die operative und sportpolitische Arbeit des DOSB und stärkt sie zugleich.
In den vergangenen Monaten wurde intensiv über die Ausrichtung der Akademie diskutiert. Was bedeutet das für die Zukunft der DOA?
Die Diskussion hat deutlich gemacht, dass die Stärke der DOA nicht darin liegt, möglichst viele Aufgaben parallel abzubilden. Unsere Stärke liegt in einer klar fokussierten Rolle: als Impulsgeberin, Wissensplattform, Netzwerkpartnerin und Kompetenzzentrum für olympische Wertebildung.
Was heißt das konkret für die Arbeit der Akademie?
Die DOA soll künftig schnell, innovativ und partnerschaftlich agieren können – etwa bei Bildungsformaten, Pilotprojekten oder der Vernetzung von Sport, Wissenschaft und Bildung im Kontext der olympischen und paralympischen Werte. Genau darin sehen wir die Rolle der DOA als „Schnellboot“ innerhalb des olympischen Systems.
Bedeutet das auch eine engere Zusammenarbeit mit dem DOSB und anderen Partnern?
Absolut. Es geht ausdrücklich nicht um Abgrenzung, sondern um ein kooperatives und arbeitsteiliges Modell. Die Zukunft der DOA liegt in der intelligenten Ergänzung bestehender Strukturen – gemeinsam mit DOSB, dsj, der Deutschen Olympischen Gesellschaft, dem Deutschen Sport- und Olympiamuseum, Hochschulen und internationalen Partnern. Wir wollen die DOA strategisch so aufstellen, dass sie in diesem Netzwerk eine klare, sichtbare und wirksame Rolle übernimmt.
Der Hamburger Sport zeigt Flagge für Olympia
Großes Tennis war in Hamburg in den vergangenen Wochen gleich mehrfach zu erleben. Am Rothenbaum endete am Sonntag das ATP-500-Turnier mit dem Sieg des peruanischen Qualifikanten Ignacio Buse. Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev musste seine Teilnahme verletzungsbedingt kurzfristig absagen. Nichtsdestotrotz nutzte der gebürtige Hamburger den Anlass und bekannte sich klar zur Olympiabewerbung seiner Heimatstadt. „Nichts ist weltweit im Sport vergleichbar mit der Kraft, dem Spirit und dem Geist, den Olympische und Paralympische Spiele entfachen. Ich selbst durfte miterleben, wie die Spiele eine ganz besondere, positive Euphorie in die Stadt bringen – einen Aufbruch, weit über den Sport hinaus“, sagte der Olympiasieger von Tokio. Diesen Spirit wünsche er sich auch für Hamburg: „Die Spiele passen hervorragend an Alster und Elbe. Deshalb sage ich: Ja für Olympia in Hamburg.“ Bereits einige Wochen zuvor hatte auch der Nachwuchs sein Können gezeigt: Bei der U15-Meisterschaft des Deutschen Tennis Bundes überzeugten die Hamburger Juniorinnen und Junioren auf heimischer Anlage. Sigrid Rinow, Präsidentin des Hamburger Tennis-Verbandes, und Verbandstrainer Pelle Boerma nutzten die Gelegenheit, um für Zustimmung beim Bürgerschaftsreferendum zu werben. Aus ihrer Sicht bieten Olympische und Paralympische Spiele große Chancen für den Breitensport – von der Jugendförderung bis zur Modernisierung von Sportplätzen und Turnhallen.
Laufen für Olympia & Paralympics
Mit einem besonderen Angebot für den Breitensport setzt auch der Hamburger Unternehmer Peter Merck ein Zeichen für die Olympiabewerbung seiner Stadt. Seit April lädt er jeden Montag zu einem Lauftreff ein, der sportliche Bewegung mit der Unterstützung für Olympia und Paralympics verbindet. Das Interesse wächst von Woche zu Woche, auch prominente Gäste wie Jogi Bitter und Laura Ludwig waren bereits mit dabei. Auf der rund drei Kilometer langen Strecke zwischen Elbphilharmonie und Fischauktionshalle wird so Woche für Woche ein Zeichen für Spiele in Hamburg gesetzt.
Die Laufschuhe für Olympia und Paralympics wurden auch am 26. April beim Hamburger Marathon geschnürt. Rund 34.000 Teilnehmende gingen insgesamt an den Start und liefen unter anderem am Olympia & Paralympics Hot Spot in Winterhude vorbei. Ein besonders Zeichen für die Spiele setze dabei nicht nur das Olympia-Führungsauto, das den Führenden des Marathons bzw. Halbmarathons die gesamte Strecke über begleitete, sondern auch die beiden Läufer*innen, die den Marathon als Staffel im Briefkastenkostüm bewältigten. Den Wahlaufruf „Deine Stimme für Olympia & Paralympics!“ trugen sie so über 42 km durch Hamburg. Mit interaktiven Sportmodulen, einer Fotobox und Informationen durch Volunteers wurde auch neben der Strecke am Hotspot der Fokus auf die Olympiabewerbung gelegt.
Der Dino wirbt für die Spiele
Eine große Bühne räumte auch der Hamburger SV (HSV) der Bewerbung beim Heimspiel gegen den SC Freiburg am 10. Mai ein. Vor 57.000 Zuschauern empfing der HSV neben Hamburgs Oberbürgermeister Dr. Peter Tschentscher zahlreiche Olympiabotschafter der Hansestadt, darunter Moritz Fürste, Horst Hrubesch, und Para-Athletin Edina Müller. Kinder in speziellen Olympia-Einlaufshirts begleiteten die Profis auf das Feld, die sich ebenfalls in Olympia-Shirts von ihren Fans vor dem Spiel anfeuern ließen. Die gemeinsame Botschaft nicht nur an diesem Tag: Hamburg kann große Spiele.
Von Handball über Rugby bis zum Basketball
Bereits am 12. April rückte das kleine Nordderby in der Handball-Bundesligaspiel die Bewerbung in den Mittelpunkt. Gemeinsam posierten der Handball Sport Verein Hamburg und der THW Kiel vor Anpfiff mit zwei Bannern, die zur Abstimmung in Hamburg und Kiel aufriefen. Die Kieler stimmten bereits am 19. April bei ihrem Referendum mit 63,5 % für die Spiele. Im Hamburger Konzept ist neben Segeln auch Handball und Rugby in der Fördestadt vorgesehen.
Beim Stadtderby zwischen dem Hamburger Rugby-Club und dem FC St. Pauli sieht Juniorennationalspieler Tom Hill vor allem die Chancen einer Olympiabewerbung Hamburgs: „Sport verbindet einfach. Für mich wäre es das Größte, in meiner Stadt auch zahlreiche andere, weniger bekannte Sportarten anschauen zu können.“ Genau darin kann die Chance Olympischer und Paralympischer Spiele für Randsportarten liegen. Niclas Füllgraf vom FC St. Pauli erhofft sich außerdem einen Aufschwung im Ausbau der Sportinfrastruktur, die auch dem Breitensport zu Gute kommt.
Für Olympia und Paralympics sprechen sich auch die Veolia Towers Hamburg aus. Neben Banneraktionen bei ihren Heimspielen, einer aktiven Social-Media-Begleitung, Teilnahmen am „Run for Olympia“ haben sich die beiden Geschäftsführer Jan Fischer und Marvin Willoughby und Vereinsvorstand Oliver Eckardt in einem offenen Brief klar für die Spiele positioniert. „Wir glauben, dass eine Olympiabewerbung für Hamburg die Chance bietet, den Sport in unserer Stadt nachhaltig zu stärken: durch mehr Aufmerksamkeit, bessere Rahmenbedingungen und einen neuen gesellschaftlichen Fokus auf Bewegung, Gesundheit und Nachwuchsförderung.“ Auch im Breitensport beteiligten sich zahlreiche Vereine und Verbände und präsentierten das gleiche Banner wie die Profis. So zum Beispiel beim Verbandspokalfinale im Feldhockey oder bei den Norddeutschen Schwimmmeisterschaften der Jahrgänge 2014 und 2015.
Der Aktionsspieltag erreichte alleine in den Stadien und Arenen rund 150.000 Menschen, dazu kommen die hunderttausenden Zuschauenden beim Marathon und den Breitensportevents.
Noch bis zum 31. Mai sind alle wahlberechtigten Hamburger*innen dazu aufgerufen, ihre Stimmen per Briefwahl oder vor Ort im Wahllokal abzugeben. Der Hamburger Sport hat sich schon längst mit einem klaren „Ja“ für Sommerspiele ausgesprochen. Jetzt liegt es an den 1,3 Millionen wahlberechtigten Bürger*innen der Hansestadt, sich zu positionieren.

