Roua Al Barkomi: Ein Musterbeispiel für Integration durch Sport
Eine gute halbe Stunde hat sie, unterbrochen lediglich von einigen Fragen, ihr bisheriges Leben ausgebreitet, als Roua Al Barkomi die Sätze sagt, die am meisten nachhallen werden. „Deutschland ist für mich ganz klar Heimat, ich fühle mich hier zu Hause. Ich habe mir hier alles von Null erarbeitet und möchte hierbleiben. Syrien ist nicht mehr der Platz für mich“, sagt die 42-Jährige. Sie sagt es mit einer Gewissheit, die keinen Raum für Zweifel lässt, und Myla Blumenkamp, die den Ausführungen ihrer Kollegin ebenso ergriffen gelauscht hat wie der Fragensteller vom DOSB, kann nicht anders, als ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. „Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut. Dafür, dass Menschen wie Roua so etwas sagen können, machen wir unseren Job. Es ist so schön zu hören, dass es für sie so gut funktioniert hat“, sagt Myla, die im Landessportbund Rheinland-Pfalz als Referentin für das Programm „Integration durch Sport“ (IdS) angestellt ist.
Welch herausragende Rolle Sporttreiben im Verein für die Integration von Menschen spielen kann, die aus aller Welt nach Deutschland kommen, ist ein viel zitierter Fakt, wenn es darum geht, die Bedeutung des Sports für die Gesellschaft zu unterstreichen. Begreifbar wird diese Botschaft immer dann, wenn konkrete Beispiele Geschichten von Menschen erzählen, die diese Integrationskraft erlebt haben. Wobei das im Fall von Roua Al Barkomi zu kurz greift, denn sie hat diese Kraft nicht nur erlebt. Die ehemalige Leistungsturnerin, die syrische Meisterin am Schwebebalken war, ist selbst zur integrativen Kraft geworden; zu einer anerkannten Übungsleiterin, die in mehreren Vereinen und unterschiedlichsten Projekten insbesondere Frauen, die ähnliche Lebensumstände erlebt haben wie sie, ein Vorbild ist.
Die Familie kam 2016 aus Abu Dhabi nach Deutschland
2016 war die in der drittgrößten syrischen Stadt Homs geborene und aufgewachsene Spitzenathletin in Begleitung ihres Ehemanns und ihrer heute 19 und 21 Jahre alten Söhne ins Rheinland gekommen. Allerdings nicht aus ihrem vom Bürgerkrieg zerrütteten Geburtsland, sondern aus Abu Dhabi, wo die Familie 13 Jahre lang gelebt hatte. „Dort habe ich als Sportlehrerin an einer Schule gearbeitet, aber wir haben in Deutschland eine bessere Perspektive gesehen und sind deshalb hier hergekommen“, sagt die studierte Wirtschaftsmanagerin. Sie kamen in ein Land, dessen Kultur und Sprache ihnen vollkommen fremd war. 2017 brachte Roua ihre Tochter zur Welt – drei Jahre später brach das Leben, das sie bis dahin gelebt hatte, zusammen. Ihr Mann ließ sie mit drei Kindern sitzen. „Ich konnte die Sprache nicht, hatte keinen Job und stand plötzlich wieder komplett am Anfang“, erinnert sie sich.
Doch anstatt sich dem Selbstmitleid zu ergeben, ergriff Roua die Initiative. „Ich wollte nicht herumsitzen und trauern, ich wollte etwas schaffen, um meinen Kindern und mir eine gute Perspektive geben zu können“, sagt sie. Und sie wollte keinesfalls von Sozialleistungen abhängig bleiben. Die Putzjobs, die man ihr anfangs im Jobcenter anbot, nahm sie zwar an. „Aber mir war klar, dass das nicht mein Ziel sein konnte! Am liebsten wollte ich im Sport arbeiten, denn Sport ist für mein Leben so wichtig wie Wasser“, sagt sie. Und weil sie dieses Ziel beharrlich verfolgte, kam sie über ein Weiterbildungsprojekt des Jobcenters in Kontakt mit Milan Kocian. Der Referent des IdS-Programms in Rheinland-Pfalz vermittelte sie an die CTG Koblenz, wo sie als Trainerin für eine Leistungsgruppe im Turnen einsteigen konnte. Es war der Startpunkt einer Entwicklung, die mustergültig für das steht, was Integration durch Sport erreichen möchte – und kann.
„Für mich war immer klar: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich“
Seine Abschiedstour ist längst angepfiffen. Anfang März gab Patrick Ittrich bekannt, seine Karriere als Schiedsrichter im Profifußball zum Ende der laufenden Saison aufgeben zu wollen. „Ich war oft verletzt und habe mich immer wieder herangekämpft. Nun bin ich seit Monaten fit, erfahre eine tolle Resonanz auf meine Spielleitungen – das ist vielleicht der beste Zeitpunkt, um aufzuhören“, sagt der 47-Jährige, der am vergangenen Sonntag das Drittliga-Spitzenspiel zwischen dem VfL Osnabrück und Energie Cottbus leitete. Der meinungsstarke und allseits für seine menschliche Art der Spielleitung geschätzte Hamburger wird dem Fußball fehlen; seinen Blick auf wichtige Themen des Sports und der Gesellschaft wird man aber nicht missen müssen. Einen Monat vor dem Trikottag im DOSB, mit dem wir am 13. Mai zum vierten Mal auf die Kraft des Ehrenamts in Sportvereinen aufmerksam machen, spricht der Polizeioberkommissar über seine Erfahrungen mit dem Schiedsrichterwesen und darüber, was ihn sein Hobby für das Leben gelehrt hat.
DOSB: Patrick, welches Trikot wirst du am 13. Mai tragen?
Patrick Ittrich: Ich habe mich noch nicht entschieden. Als Schiedsrichter muss ich ja stets darauf achten, dass mir niemand die Neutralität abspricht und man mir eine Parteinahme übelnehmen könnte. Aber vielleicht trage ich tatsächlich ein Trikot meines Hamburger Heimatvereins Mümmelmannsberger SV, wenn ich eins finde, das mir noch passt. Meine Jugendtrikots sind leider ein bisschen zu klein geworden.
Als Schiedsrichter tragt ihr ja auch ein Trikot, seid wahrscheinlich sogar das größte Team Deutschlands. Gibt es ein Teamgefühl unter den Schiedsrichtern?
Das gibt es auf jeden Fall. Im Kleinen besteht dieses Team aus dem Schiedsrichter und seinen Assistenten. Natürlich ist es so, dass, je höher man aufsteigt, die anderen Schiedsrichterteams zu Konkurrenten darum werden, wer das attraktivste Spiel des Wochenendes leiten darf. Man kann uns deshalb in der Gesamtheit nicht unbedingt als eine große Mannschaft begreifen. Aber es ist doch so: Wenn ein Schiedsrichter eine falsche Entscheidung trifft, wird es oft auf die Gesamtheit der Schiedsrichter umgebrochen. Deshalb habe ich stets versucht, auf eine gute Kameradschaft untereinander zu achten und die Konkurrenz nicht ausufern zu lassen. Wir Schiedsrichter sitzen alle in einem Boot.
Gilt das nur für den Fußball oder sportartenübergreifend? Gibt es einen Austausch zwischen Schiedsrichtern, aus dem ihr gegenseitig lernen könnt?
Ich habe vor einigen Jahren privat ein solches Netzwerk initiiert, mit eigenem Podcast und anderen Formaten, weil ich großes Potenzial darin sehe, sich sportartenübergreifend auszutauschen. Ich habe von diesem Netzwerk sehr profitiert, denn man kann sehr viel aus den Erfahrungen in anderen Sportarten lernen. Schauen wir nur auf das Thema Videoassistent. Da sind einige andere Sportarten, wie zum Beispiel Hockey, Eishockey oder American Football, viele Jahre weiter. Sie haben allerdings auch unterschiedliche Regelwerke, so dass man die Sportarten nicht eins zu eins miteinander vergleichen kann. Dennoch gibt es einige Aspekte, die auch auf den Fußball übertragbar sind. Ich glaube, wir müssten diesen Austausch noch viel intensiver suchen, da liegen eine Menge Chancen auf der Straße, die wir nur aufzusammeln bräuchten.
Der Trikottag macht auf die Bedeutung des Ehrenamts im Sportverein aufmerksam. Schiedsrichterei wird ja gemeinhin schon von Beginn an vergütet. Warum fühlt es sich auf unteren Ebenen dennoch wie ein Ehrenamt an?
Weil es keine Vergütung, sondern maximal eine Aufwandsentschädigung ist, die man im Amateurbereich erhält, und der ist ja mit Abstand der größte Teil, in dem Schiedsrichter ihr Amt ausüben. Man muss beachten, dass eine Spielleitung immer mit Arbeit und auch finanziellem Aufwand verbunden ist. Es braucht eine Vorbereitung, man muss sich die Ausrüstung selber anschaffen, muss sich fortbilden. Auf jeden Fall sollte allen, die mit der Schiedsrichterei beginnen, klar sein: Es ist ein Ehrenamt, ein Hobby, die allerwenigsten werden es zu ihrem Beruf machen. Und deshalb muss es auch Spaß machen!
Schiedsrichter müssen unparteiisch sein, haben aber natürlich alle einen Heimatverein, möglicherweise auch einen Lieblingsverein. Wie hast du es geschafft, diese Diskrepanz zu überbrücken und die Unparteilichkeit zu deinem Leitmotiv werden zu lassen?
Ich bin überzeugt davon, dass man ein spezieller Typ sein muss, um Schiedsrichter zu werden. Komplette, 100-prozentige Unparteilichkeit ist wirklich unheimlich schwierig zu erlangen. Aber sie ist unser höchstes Gut, ich identifiziere mich damit vollkommen. Je professioneller du pfeifst, desto mehr legst du Parteilichkeit ab. Ich behaupte, dass für mich immer schon klar war: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich. Ich beurteile ausschließlich auf Basis des Regelwerks und nach bestem Wissen und Gewissen. Parteiisch zu sein, das passte noch nie zu meinem Koordinatensystem, mir war auch bewusst, dass es mir schaden würde. Aber es ist auch ein Lernprozess.
Was hat dich persönlich dazu bewogen, Schiedsrichter zu werden?
Ehrlich gesagt wurde ich damals dazu ermutigt. In unserem Verein gab es, wie in vielen anderen Vereinen auch, zu wenige Schiedsrichter. Unser Obmann hat dann zwei Kumpels und mich angesprochen, ob wir den Lehrgang machen wollen würden. Die beiden anderen haben zugesagt, ich hatte keine Lust. Ein Jahr später, da war ich 15, haben sie mich überredet. Es würde total viel Spaß machen und mir bestimmt gut liegen, haben sie gesagt. Na gut, habe ich gedacht, dann gehe ich halt mal hin. Und was soll ich sagen: Schon in meinem ersten Spiel habe ich gespürt, dass das was für mich sein könnte. Wie der Zufall es wollte, wurde ich sehr schnell von einem Schiedsrichterbeobachter als Talent entdeckt und gefördert. Und dann kam eins zum anderen.
Wenn du dich an deine Anfangszeit erinnerst: Wie schwierig war es damals, Menschen für das Amt zu gewinnen?
Ich kann das nicht mit empirischen Daten belegen. Es gab die Typen wie mich, die ermutigt werden mussten. Aber es gab auch viele, die das gern machen wollten, die sogar Idole unter den Schiedsrichtern hatten, denen sie nacheifern wollten. Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, das Verhältnis war 50:50.
Ist es heute schwieriger oder leichter, und warum?
Das ist eine sehr interessante Frage, die ich auch nicht eindeutig beantworten kann. Auf der einen Seite wird es immer schwieriger, weil wir es uns im Fußball oft selbst schwer machen. Die negativen Seiten des Amtes – hoher Druck, Konfrontation mit verbaler und körperlicher Gewalt, Umgang mit Fehlern – werden oft zusätzlich in ein schlechtes Licht gerückt, was es schwierig macht, junge Menschen davon zu überzeugen, dass es ein tolles Amt ist. Auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Jahren über einige wichtige Projekte die Nachwuchsgewinnung ankurbeln können, wir sind aktuell bei rund 60.000 Schiedsrichtern in Deutschland, und diese Zahl bezieht sich nur auf den Fußball! Das ist eine enorme Zahl, und ich finde, dass wir mit unserer Art, uns und unser Amt zu präsentieren, sehr viel beeinflussen können.
Trikottag
Was ist der Trikottag?
Der Trikottag ist der nationale Feiertag für den Vereinssport in Deutschland. Er ist eine Aktion des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen. Beim Trikottag geht es darum, Sichtbarkeit für die Sportvereine zu schaffen und für das, was sie tagtäglich für die Menschen und für unsere Gesellschaft leisten. Sport im Verein trägt zur Gesundheit der Menschen bei, er verbindet, ist Motor für Integration und Inklusion und einer der ganz wenigen Orte, an denen Menschen noch zusammenkommen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung oder anderer Merkmale.
Jede Woche beteiligen und engagieren sich Millionen von Menschen in den 86.000 Sportvereinen in Deutschland. Dieses Engagement und diese Vielfalt wollen wir gemeinsam einen Tag lang auch im Alltag zeigen und sichtbar machen.


