„Integration passiert nicht von allein“
Mit unserer IdS-Interviewreihe geben wir 2026 den Menschen eine Stimme, die „Integration durch Sport“ täglich mit Leben füllen – und zeigen, warum das Bundesprogramm für den organisierten Sport und unsere Gesellschaft unverzichtbar ist. Teil 1 mit Muhammad-Fuzael Ul-Hassan, Referent für das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ beim Stadtsportbund Bielefeld.
DOSB: Wie bist du allgemein zum Sport gekommen?
Muhammad-Fuzael Ul-Hassan: In meiner Familie hat Sport keine sehr lange Geschichte. Und doch findet sie sich an einigen Stellen. Meine Eltern kommen aus Pakistan, dort gibt es keine klassische Vereinslandschaft, wie wir sie hier kennen. Als mein Vater nach Deutschland kam, war er Mitbegründer des ersten Pool-Billard-Clubs in Minden. Er war auch der Grund, warum ich mit sieben Jahren in einen Fußballverein gekommen bin. Das war gar nicht meine Idee. Mein Vater meinte einfach: „Sport ist wichtig, ich möchte, dass du da hingehst.“ Und irgendwann habe ich gemerkt: Sport liegt mir. In der fünften Klasse habe ich zusätzlich mit Leichtathletik angefangen und darin später auch als Trainer gearbeitet. Spätestens da wurde mir klar, dass Sport für mich ein großes Thema ist. Sport ist bis heute ein elementarer Bestandteil meines Alltags. Also ja: Sporterfahrung bringe ich auf vielen Ebenen mit.
Wie kam dann der Sprung zum Bundesprogramm „Integration durch Sport“?
Es ist tatsächlich ein glücklicher Zufall, dass mir die Stelle bei „Integration durch Sport“ angeboten wurde. Ich habe vorher in der freien Wirtschaft gearbeitet und hätte nicht erwartet, noch während des Studiums im gemeinwohlorientierten Sportbereich zu landen. Es war vor allem ein super Einstieg, weil das Thema genau meinem Interesse entspricht: Soziale Ungleichheit, Nachhaltigkeit, Unterrepräsentanz verschiedener Personengruppen, Kommunikation oder Systemtheorie im Sport waren schon große Bestandteile meines Studiums. Sportsoziologie und -management waren die Schwerpunkte. Auch das Bundesprogramm war an verschiedenen Stellen Inhalt des Studiums. Insofern lag „Integration durch Sport“ schon immer irgendwie nah für mich.
Viele stellen sich unter einem Referentenjob vor, dass man den ganzen Tag nur am PC sitzt und E-Mails schreibt. Wie sieht dein Arbeitsalltag bei IdS wirklich aus?
Ich habe keine starre Arbeitswoche. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, mit Sportvereinen oder deren Vertreter*innen im Austausch zu sein. Besonders in der Stützpunktförderung begleiten wir die Vereine: Wir sprechen darüber, welche Maßnahmen geplant sind, welche Ideen sie haben, und ich setze das dann verwaltungstechnisch um. Aber das ist nur die eine Seite. Uns beschäftigt vor allem die Frage: Was können wir gemeinsam im Verein tun, damit Integration, Inklusion und Vielfalt wirklich gelebt werden? In Bielefeld haben wir aktuell vier Stützpunktvereine mit sehr unterschiedlichen Profilen. Zwei sind klassische Traditionsvereine. Dann gibt es den MCH Futsal-Club Bielefeld, der aus der offenen Kinder- und Jugendarbeit hervorgegangen ist. Und wir haben einen für IdS eher ungewöhnlichen Verein dabei: den Bielefelder Golfclub. Manche fragen sich: „Warum unterstützen wir einen hoch privilegierten Verein in einer weiß-dominierten Sportart?“ Aber genau das finde ich spannend. Ich möchte bewusst in Räume gehen, in denen Menschen mit internationaler Geschichte oder BPoC unterrepräsentiert sind.
Sport verbindet Generationen
Sport ist weit mehr als körperliche Betätigung. Er ist Begegnungsraum, Gesundheitsmotor und soziales Bindeglied zugleich. In einer Gesellschaft, die vom demografischen Wandel geprägt ist, gewinnt der generationenübergreifende Sport zunehmend an Bedeutung. In deutschen Sportvereinen begegnen sich Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Ältere - sie trainieren, lernen und engagieren sich gemeinsam. So entsteht Gemeinschaft über Altersgrenzen hinweg.
Der Deutsche Olympischer Sportbund (DOSB) verfolgt dabei konsequent das Leitbild „Sport für Alle“. Ziel ist es, sportliche Aktivität von der Kindheit bis ins hohe Alter zugänglich zu machen. Generationensport wird als Querschnittsaufgabe verstanden: Er umfasst Breiten- und Gesundheitssport, Integrationsarbeit, Engagementförderung sowie die Weiterentwicklung moderner Vereinsstrukturen.
Vom Seniorensport zum Generationenansatz
Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden erste zielgruppenspezifische Bewegungsangebote für ältere Menschen. Mit der steigenden Lebenserwartung und gesellschaftlichen Veränderungen wurde deutlich, dass Sportangebote kontinuierlich weiterentwickelt werden müssen.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der DOSB den Bereich „Sport der Älteren“ systematisch ausgebaut. Wichtige Impulse setzten Projekte wie „Richtig fit ab 50“ (2003-2006) und „Bewegungsnetzwerk 50 plus“ (2009-2012), die neue Kooperationen mit Wohlfahrtsverbänden sowie Senioren- und Gesundheitsorganisationen ermöglichten.
Mit „AUF (Aktiv Und Fit) Leben“ wurden bis 2015 neue Zielgruppen - darunter Hochaltrige und pflegende Angehörige - angesprochen und innovative Zugänge zur Bewegungsförderung erprobt.
Von 2020 bis 2022 rückte das Projekt „Sport bewegt Menschen mit Demenz“ die Bedürfnisse von Menschen mit kognitiven Einschränkungen in den Mittelpunkt. Auch nach Projektende bietet der DOSB weiterhin jährliche Online-Fortbildungen für Übungsleitungen an - in Kooperation mit dem Demenzzentrum Trier und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.
Gesundheit, Teilhabe und Zusammenhalt
Regelmäßige Bewegung trägt in jeder Lebensphase zur körperlichen und psychischen Gesundheit bei. Im Alter hilft sie, Mobilität und Selbstständigkeit zu erhalten, Stürzen vorzubeugen und sozialer Isolation entgegenzuwirken. Programme wie der Alltags-Fitness-Test (AFT) oder „FIVE – Fit und verbunden gegen Einsamkeit“ setzen hier gezielt an.
Gleichzeitig schafft Sport Räume der Begegnung. Familien nehmen gemeinsam an Kursen teil, Großeltern engagieren sich im Ehrenamt, Jugendliche übernehmen Verantwortung als Trainerinnen und Trainer. Projekte zur Engagementförderung zeigen, wie wichtig flexible Strukturen sind, um Menschen im mittleren Erwachsenenalter und Ältere für Vorstands- oder Leitungsaufgaben zu gewinnen.
Auch Integration ist ein zentrales Thema. Im Rahmen des Programms „Integration durch Sport“ wurde das Projekt „GeniAl: Gemeinsam bewegen - Gesund leben im Alter“ initiiert. Es richtete sich insbesondere an ältere Menschen mit Migrationsgeschichte, die im organisierten Sport bislang unterrepräsentiert sind. Ziel war es, nachhaltige und bedarfsgerechte Angebote zu entwickeln und soziale Teilhabe zu stärken.
Antworten auf neue Herausforderungen
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich stetig. Klimawandel und zunehmende Hitzeperioden stellen gerade ältere Menschen vor neue gesundheitliche Herausforderungen. Das Projekt „Sport und Bewegung mit älteren Menschen bei Hitze“ (BIÖG) entwickelt praxisnahe Handlungsempfehlungen für Vereine.
Gleichzeitig gilt es, Zugangsbarrieren abzubauen. Mit der Bewegungslandkarte stellt der DOSB erstmals eine bundesweite Plattform zur Verfügung, auf der rund 87.000 Sportvereine mit ihren Angeboten zentral online einsehbar sind. So wird der Zugang zum organisierten Sport erleichtert - transparent, niedrigschwellig und wohnortnah.
Generationensport als Zukunftsaufgabe
Generationensport bedeutet heute mehr als altersgerechte Gymnastik oder Familiensporttage. Er steht für ein umfassendes Verständnis von Sport als gesellschaftlicher Gestaltungsraum. Der DOSB hat gemeinsam mit seinen Mitgliedsorganisationen in den vergangenen Jahren wichtige strukturelle Grundlagen geschaffen und innovative Projekte angestoßen.
Verbandsautonomie: Was das ist und wofür sie gut ist
Aufgrund aktueller Berichterstattung über mögliches Fehlverhalten in einer unserer Mitgliedsorganisationen und Fragen dazu, inwiefern die Politik und der DOSB als Dachverband hier tätig werden können, haben wir die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Verbandsautonomie noch einmal zusammengefasst.
Was es damit auf sich hat und was die Verbandsautonomie an Eingriffen erlaubt und was nicht, erklären wir hier.


