Warum das Extreme niemals normal werden darf
Am vorvergangenen Wochenende konnten wir live verfolgen, wie der Berliner Ultra-Marathonläufer Arda Saatci innerhalb von 96 Stunden 600 Kilometer durch den Westen der USA laufen wollte. Auch ich war fasziniert davon, dass das, was dieser Typ vorhatte, der absolute Wahnsinn ist. Auch wenn er am Ende 123 Stunden gebraucht hat, um die gut 14 Marathonläufe am Stück zu absolvieren, ist diese Leistung kaum greifbar und hat wieder einmal gezeigt, wie es möglich ist, die eigenen Grenzen zu verschieben. Die Tausenden Menschen, die diesen Weg mitverfolgt und den Hut davor gezogen haben, unterstreichen diese einzigartige Leistung. Und trotzdem kam neben der Faszination in mir auch ein Störgefühl auf. Das Ausmaß, mit dem dieser Lauf verfolgt wurde, hat mich irritiert, und ich war damit nicht allein. Auch Christoph Becker hat am vergangenen Mittwoch in der FAZ in seinem Kommentar ein ähnliches Gefühl benannt. Uns droht gerade die Realität wegzulaufen. Eine Entwicklung, die ich bereits länger mit großer Sorge betrachte.
Machen wir uns nichts vor: Das Ausloten von Grenzen, dieses „Schneller, Höher, Weiter“, ist die DNA des Leistungssports. Jede Athletin und jeder Athlet möchte herausfinden, wie weit die individuelle Leistungsgrenze verschoben werden kann. Das ist schon immer so gewesen, und es wird auch in Zukunft das Ziel sein, den menschlichen Körper weiter zu optimieren und dabei auch Erkenntnisse der Wissenschaft einzubeziehen, im medizinischen oder auch im technischen Bereich. Was dabei jedoch aktuell aus dem Fokus zu geraten scheint, ist der Fakt, dass Leistungen wie die von Arda Saatci absolute Extreme und eine Ausnahme sind. Extreme, die nur erbracht werden können mit der Hilfe von jahre- oder meist gar jahrzehntelangem Training, körperlicher und mentaler Ausnahmekonstitution und finanzieller Unterstützung auf höchstem Niveau. Die Normalität ist eine andere: Einen Marathon zu laufen, ist bereits eine Ausnahme, die nicht einfach so geleistet werden kann. Auch wenn es mich fasziniert und gleichzeitig befremdet, wie viele Leute das mittlerweile versuchen, ist es ein Fakt und keineswegs verwerflich, dass viele dieser Versuche nicht erfolgreich sind.
Es ist gut, dass Saatci, in einem „Focus“-Interview öffentlich erklärt hat, sein Projekt sei nicht zum Nachahmen empfohlen. Der Eindruck, der durch die Aufmachung seines Laufes entsteht, ist jedoch ein anderer: Immer mehr Menschen halten es nicht nur für möglich, sondern sogar für erstrebenswert und irgendwie schon selbstverständlich, die von der eigenen Physis gesetzten Grenzen unter Einbezug sämtlicher zur Verfügung stehenden Mittel so weit zu verschieben, dass das Extreme zum Normalen wird.
Kein seriöses Medium kommentiert die perverse Show positiv
Eine Show, die exemplarisch für genau dieses Denken und Handeln steht, sind die „Enhanced Games“ (besser bekannt unter dem Namen „Doping-Spiele“), die am Pfingstwochenende in Las Vegas ihre Premiere haben sollen. Rund 50 Teilnehmende in den olympischen Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen sowie im Gewichtheben treten dort an, um unter expliziter Freigabe von Dopingmitteln Weltrekorde zu brechen. Wem das gelingt, der kann sich einen Bonus von einer Million US-Dollar sichern. Wer einfach nur gewinnt, kann bis zu einer Viertelmillion kassieren; die Antrittsgage in fünfstelliger Höhe ist allen garantiert.
Es könnte mich beruhigen, dass unter den Premierengästen außer dem früheren 100-Meter-Weltmeister Fred Kerley, der wegen eines Dopingvergehens bereits suspendiert ist, keine Athlet*innen auf Weltklasseniveau ihre Teilnahme zugesagt haben. Alle internationalen und nationalen Fachverbände sowie das IOC und die WADA verurteilen die Pläne der Organisatoren und haben geschlossen erklärt, dass alle Teilnehmenden künftig nichts mehr im sauberen Sport zu suchen haben. Es gibt kein seriöses Medium weltweit, das die „Enhanced Games" positiv kommentiert, und selbst in den USA keinen Medienpartner, der diese perverse Show begleiten möchte. Und trotzdem: Allein die Diskussionen, die darüber entstanden sind, richten bereits immensen Schaden an. Überhaupt in Erwägung zu ziehen, ob es für den durchschnittlichen Menschen zur Mode werden soll, seine Grenzen mittels verbotener, unkalkulierbar gesundheitsgefährdender Stoffe ins Extreme zu verschieben, richtet immensen Schaden an. Weil es unterstreicht, wie weit unsere Gesellschaft, deren Spiegel der Sport ist, zu gehen bereit scheint.
Klarzustellen ist: Die Summen, die im Raum stehen, rechtfertigen das Nachdenken über eine Teilnahme. Insbesondere für Athlet*innen, die nicht aus Europa kommen, ist die Möglichkeit, auf einen Streich für das eigene und die Leben der Familie ausgesorgt zu haben, mehr als verlockend. Gesundheitliche und ethische Bedenken verschwinden dahinter. Es fällt mir daher schwer, jemanden zu verurteilen, der dieser Verlockung nachgeht. Es muss jedoch klar sein: Wer sich einmal öffentlich für Doping ausgesprochen hat – und bereits die Teilnahme an den Enhanced Games ist ein solches Statement –, hat im sauberen Sport nichts mehr zu suchen. Hier sehe ich einen Unterschied zu denen, die einen Dopingverstoß begangen haben, aber Reue zeigen und sich grundsätzlich gegen Doping positionieren. Für diese sieht unser System eine zweite Chance vor. Befürworter*innen von Doping haben diese nicht verdient.
Diversity Day: So lebt ihr Vielfalt im Sportverein
Vielfalt ist eine zentrale Stärke des Sports. Jeden Tag bringen Sportvereine Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Fähigkeiten und Lebensrealitäten zusammen. Gleichzeitig zeigt sich: Vielfalt entfaltet sich nicht von selbst, sie braucht Bewusstsein, Strukturen und konkrete Unterstützung im Alltag der Vereine.
Der DOSB stellt dafür verschiedene praxisnahe Angebote bereit. Sie unterstützen Vereine dabei, Zugänge zu erleichtern, Barrieren abzubauen und eine offene, wertschätzende Vereinskultur zu fördern. Im Folgenden ein Überblick über ausgewählte Tools, Qualifizierungen und Formate:
„Es gibt von mir keinen erhobenen Zeigefinger und keine unerbetenen Ratschläge“
Am Türmersturm, dem Wahrzeichen der Stadt Tauberbischofsheim, weht seit 2013 die Fahne mit den Olympischen Ringen. Dass sie an diesem Frühlingstag kopfüber an ihrem Mast flattert, könnte man fast symbolisch deuten, schließlich ist der Mann, zu dessen Ehren sie gehisst wird, seit Juni vergangenen Jahres nicht mehr Kopf des Internationalen Olympischen Komitees. „Ich habe das Amt noch keine Minute vermisst“, sagt Dr. Thomas Bach, als er den Besuch aus dem DOSB in seinen neuen Büroräumen in der Altstadt von Tauberbischofsheim empfängt. Um seine Zeit als IOC-Präsident soll es im Gespräch aber auch nur am Rande gehen. Anlass für das Treffen, für das der weiterhin eng getaktete Team-Olympiasieger im Fechten von 1976 75 Minuten Zeit freigeräumt hat, ist der 20. Jahrestag der Gründung des DOSB, dessen erster Präsident er im Mai 2006 wurde.
Herr Dr. Bach, der 20. Mai 2006 ist ein geschichtsträchtiges Datum im deutschen Sport. Welche Erinnerung dominiert, wenn Sie an diesen Tag denken?
Thomas Bach: Bei mir ist das ganz deutlich die Erinnerung an die Gründungsfeier in der Frankfurter Paulskirche, die als Wiege der deutschen Demokratie einen sehr besonderen Stellenwert besitzt. Dort die Gründung des Deutschen Olympischen Sportbunds feierlich mit einer ganzen Reihe höchstrangiger Gäste begangen zu haben, hat mich sehr bewegt. Ganz besonders habe ich mich darüber gefreut, dass der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu den Gästen zählte. Für mich verkörperte er eine Mischung aus väterlichem Freund und Vorbild. Er hatte mir schon vor der Gründung zugesichert, dass er bereit wäre, sich als Persönliches Mitglied des DOSB zur Wahl zu stellen. Seine Bereitschaft mitzuwirken, hat dem DOSB in seiner Gründungszeit sehr gut getan. Für mich persönlich war es eine große Geste der Verbundenheit, an die ich mich auch 20 Jahre danach noch besonders gern erinnere.
Wie hat sich damals angebahnt, dass Sie erster Präsident des DOSB werden würden? Wie ist diese Idee entstanden?
Ich hatte schon Mitte der 90er-Jahre einen ersten Versuch unternommen, die Fusion zwischen dem Deutschen Sportbund und dem Nationalen Olympischen Komitee anzubahnen. Damals gab es ein Gipfeltreffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und dem langjährigen NOK-Präsidenten Willi Daume, an dem auch Vertreter großer Sponsoren wie der Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG, Edzard Reuter, oder Bernd Schiphorst von Bertelsmann teilnahmen. Dort wurde die Idee diskutiert und vom Kanzler befürwortet, sie ist jedoch innerhalb des deutschen Sports zerredet und kleingehalten worden. Insbesondere Daumes Nachfolger Walther Tröger war ein entschiedener Gegner einer Fusion. Erst als Tröger 2002 von Klaus Steinbach abgelöst wurde, kam wieder Bewegung in dieses Thema. Zwischen Steinbach und Manfred von Richthofen, der als DSB-Präsident viele Jahre für eine bessere Kooperation geworben hatte, entwickelte sich ein guter Kontakt. Schließlich wurde eine Findungskommission gegründet, um mögliche Kandidaten für die DOSB-Präsidentschaft vorzuschlagen. Diese kontaktierte mich und fragte, ob ich bereit wäre, dieses Amt zu übernehmen.
Was hat Sie dazu bewogen, sich tatsächlich dieser Aufgabe zu stellen?
Ich habe intensiv mit mir gerungen. Letztlich waren es die Gespräche mit meiner Frau und engen Freunden, die den Ausschlag gegeben haben. Sie alle haben zu mir gesagt: Du kannst nicht immer eine Fusion fordern, aber dann kneifen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Du musst das machen! Also habe ich mich zu einem Gespräch bereit erklärt. Vorsitzender der Findungskommission war der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger. Eine Frage, an die ich mich erinnere, war angesichts der bekannten Kontroversen zwischen NOK und DSB, welchen der beiden Generalsekretäre ich weiterbeschäftigen würde. Auf meine Antwort – keinen von beiden – reagierte die Kommission überrascht, aber auch etwas erleichtert, weil beide Seiten wohl befürchtet hatten, ich würde die jeweils andere Partei bevorzugen. Mir schwebte aber ein anderes Profil vor: Ein Generaldirektor, der den DOSB kraftvoll führen und nach außen vertreten sollte. Das wurde akzeptiert. Am Ende hat die Kommission vorgeschlagen, mich zum Gründungspräsidenten des DOSB zu wählen.
Worin haben Sie vor 20 Jahren die größten Chancen der Fusion von DSB und NOK gesehen, worin die größten Risiken? Warum haben Sie damals geglaubt, dass die Fusion der richtige Schritt sein würde?
Die größte Chance habe ich darin gesehen, den deutschen Sport zu vereinen und dafür zu sorgen, dass er mit einer Stimme spricht und als Einheit wahrgenommen wird. Es war damals offensichtlich, dass DSB und NOK im besten Fall nebeneinander herumwerkelten, oftmals aber auch gegeneinander. Das hat zu Parallelarbeit und Missverständnissen geführt, zu Mehraufwand und unnötiger Bürokratie. Das ging so weit, dass Sportfachverbände, die im NOK und im DSB Mitglied waren, in der einen Organisation A und in der anderen B gesagt haben, was wiederum dazu führte, dass in einigen Fällen die beiden Dachverbände gegeneinander ausgespielt wurden. Dadurch war der deutsche Sport in der Gesellschaft beinahe irrelevant geworden, und das ist der Grund, warum ich mich vehement für die Fusion eingesetzt und geglaubt habe, dass sie der richtige Schritt sein würde. Das Risiko lag natürlich auf der Hand: Dass es nicht gelingen könnte, die beiden Organisationen zusammenzuführen, und dadurch ins Chaos abzugleiten.
Wie haben Sie in der Anfangszeit des DOSB die Stimmung in der deutschen Sportfamilie wahrgenommen?
Mir war klar, dass meine erste Aufgabe sein würde, die erhoffte Einheit herzustellen, Skepsis abzubauen und die Mitgliedsorganisationen hinter dem neuen Dachverband zu versammeln. Deshalb habe ich bei meiner Amtseinführung auch darauf bestanden, dass eine geheime Wahl durchgeführt wird und wir sehen konnten, wo wir stehen und ob es wirklich eine stabile Mehrheit für unser Team geben würde. Direkt nach der Wahl haben die Mitglieder dann in der Paulskirche gespürt, welche Relevanz der Sport entwickeln kann und dass er in der Gesellschaft anerkannt werden würde. Man sah die Chance, die die Fusion bot. In meiner Rede habe ich klare Ziele formuliert, mit deren Hilfe wir den gesellschaftlichen Wert des Sports in unserem Land steigern wollten, in dem wir die dem Sport eigenen Werte hervorheben. Das war der rote Faden.
Worin lagen für Sie zum Start die höchsten Hürden?
Besonders hart war eine spätere Phase, als Hans-Peter Krämer, unser Vizepräsident Wirtschaft und Finanzen, feststellte, dass der DSB zum Zeitpunkt der Fusion finanziell in sehr schwierigem Fahrwasser navigierte. Kurz gesagt: Es türmten sich unerwartete finanzielle Probleme auf, die Hans-Peter Krämer lösen musste. Zum Glück ist ihm dies durch Umschichtung von Verpflichtungen gelungen, zudem stimmten die Mitglieder einer Beitragserhöhung zu. Dazu kam, dass der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger dem DOSB mit einem Millionenbetrag aus dem Gewinn der Fußball-WM 2006 half. Von dem DFB-Geld haben wir die Stiftung Deutscher Sport gegründet.
Was oder wer hat Ihnen am meisten geholfen, die Startprobleme zu überwinden?
Ich hatte ein glänzendes Team an meiner Seite. Schon in der ersten Präsidiumssitzung habe ich den Willen gespürt, die Einheit herbeizuführen und die Fusion zu einem Erfolg zu machen. Das war eine wirklich gute Truppe. Überrascht habe ich aber fast alle mit meinem Vorschlag, Michael Vesper zum Generaldirektor zu berufen, was heute die Rolle des Vorstandsvorsitzenden ist. Das hat doch für einige Skepsis gesorgt: Ein starker Realo-Grüner, der für sein Selbstbewusstsein berüchtigt war! Ich habe argumentiert, dass starke Persönlichkeiten, die die Besten ihres Fachs sind, genau das waren, was der DOSB brauchte. Auch bei dieser Personalie hat mich Hans-Peter Krämer tatkräftig unterstützt, und das hat sehr geholfen, dass Michael Vesper anerkannt und respektiert wurde. Nach sechseinhalb Monaten fand dann die erste Mitgliederversammlung statt, der wir mit großer Spannung entgegengeblickten, weil doch einige hochstrittige Themen diskutiert werden sollten. Einige Medien hatten schon zu jubeln begonnen, dass sich der neu gegründete DOSB selbst zerlegen würde. Wir haben dann aber für alle wichtigen Themen Mehrheiten zwischen 95 und 100 Prozent bekommen. Von da an wussten wir: Der Anfang ist gemacht! Trotzdem war mir bewusst, dass die Einheit jeden Tag neu gepflegt und das Vertrauen jeden Tag aufs Neue erworben werden musste.
Welche Projekte waren für Sie in Ihrer Amtszeit im DOSB die prägendsten?
Sehr glücklich bin ich, dass es uns gelungen ist, das System der Leistungssportförderung umzustellen, weg von einer Belohnung von Verbänden für vergangene Leistungen, hin zu einem System, das Investitionen in die Zukunft in den Vordergrund stellt, begleitet von Zielvereinbarungen mit den Fachverbänden. Dieses System wurde abgesichert durch ein Memorandum of Understanding mit dem Bundesinnenministerium, das die Autonomie des DOSB garantierte. Nach vielen Jahren des Stillstands hat diese Neuordnung auch zu einem Mittelaufwuchs geführt. Ein weiteres Thema, das mir extrem am Herzen lag, war die Gleichberechtigung und Frauenförderung, die vor allem dank Ilse Ridder-Melchers vorangetrieben wurde. Die Frauen-Vollversammlung im DOSB war immer meine Lieblingsveranstaltung, nirgends habe ich mehr Energie und Motivation für stete Verbesserung gespürt. Dazu kam dann noch die starke Erweiterung des Programms Integration durch Sport, das wir mit der Hilfe des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble auf ein neues Niveau heben konnten. Damals habe ich wichtige Dinge gelernt, die mir später im IOC beim Aufbau der Olympic Refuge Foundation sehr geholfen haben.
In Ihre Amtszeit fielen auch die über Missbrauchsfälle im Bereich von Waldorfschule und Kirche angestoßenen Diskussionen um sexualisierte Gewalt im Sport, die auch aktuell ein sehr intensives, vielschichtiges Thema sind. Wie haben Sie diese Themen geprägt?
Wir haben damals sofort proaktiv bekannt, dass es auch in Sportvereinen solche Fälle gibt. Ingo Weiss war dafür zuständig und hat den DOSB mit großem Einfühlungsvermögen positioniert. Ich hatte in dieser Zeit ein Gespräch mit der Bundesbeauftragen für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann. Nachdem wir uns über die Kernpunkte einer Zusammenarbeit geeinigt hatten, sagte ich zu ihr, dass ich mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen könne als ihre Aufgabe, bei der sie ständig mit dem Leid von Kindern konfrontiert war. Da platzte es regelrecht aus ihr heraus, sie schilderte schlimmste Fälle von sexueller Gewalt an Kindern in Familien. Das hat mich unglaublich mitgenommen, ich werde dieses Gespräch niemals vergessen. Wir haben das Thema Prävention dann im DOSB weiter vorangetrieben. Vorher hatten wir schon ein Projekt gegen Gewalt an Frauen umgesetzt, mit der Profibox-Weltmeisterin Regina Halmich als Testimonial. Projekte wie dieses waren und sind mir bis heute extrem wichtig.
Was hätten Sie in Ihrer Zeit als DOSB-Präsident gern umgesetzt, sind aber nicht (mehr) dazu gekommen?
Da muss ich drei Dinge nennen. Erstens ist es mir nicht gelungen, eine Forderung aus meiner Gründungsrede zu realisieren: Die Förderung des Sports und den Schutz seiner Autonomie im Grundgesetz als Staatsziel zu verankern. Das wurde auch vom Bundespräsidenten a.D. Richard von Weizsäcker unterstützt. Schließlich konnte sich der Bundestag leider nur zu einer Resolution durchringen, in der die Werte des Sports und die Rolle des DOSB gewürdigt wurden. Zweitens haben wir es leider nicht geschafft, die Trainerausbildung wieder zu einer akademischen Ausbildung zu machen und das Vergütungssystem der Bedeutung des Berufs anzupassen sowie dem Aufwand und Einsatz Rechnung zu tragen, den unsere Trainerinnen und Trainer leisten. Auch die Gestaltung längerfristiger Verträge haben wir nicht umsetzen können. Wir haben zwar Fortschritte gemacht, aber nicht in dem Maße, in dem ich mir das gewünscht hatte. Und drittens, meine bitterste Niederlage: Das Scheitern der Bewerbung Münchens um die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2018 auf der IOC-Session 2011 in Durban. Das hat mich extrem getroffen, weil das ein Projekt war, hinter dem der damals noch immer junge DOSB in seiner Gesamtheit stand.

