„Ich plädiere stark für eine anerkannte Ausbildung“
DOSB: Christine, in den vergangenen Monaten wurde insbesondere seitens der Politik viel über eine Traineroffensive gesprochen. Was löst dieses Thema in dir aus, was versprichst du dir von dieser Initiative?
Christine Adams: Ich war kürzlich auf einer größeren Veranstaltung zum Thema Trainerinnen im Leistungssport, auf der das Dilemma der Situation von Trainerinnen und Trainern deutlich wurde. Die Politik sagt, das müsse der Sport lösen. Der Sport sagt, da sei die Politik gefragt. Für mich ist das Ganze ein hoch politisches Thema. Es hat sich in den vergangenen 20 Jahren viel zu wenig getan. Wir haben seit langer Zeit nicht einmal einen Inflationsausgleich erhalten, was de facto dazu führt, dass unsere Gehälter stetig sinken. Die Arbeitsbedingungen sind schwierig, was dazu führen wird, dass in naher Zukunft, wenn die letzte Generation der in der DDR sozialisierten Trainer in Rente geht, wir ein massives Problem bekommen werden. Die große Frage lautet doch, ob Sport zu den prioritären Themen in diesem Land zählt oder nicht. Das Gefühl, dass dem nicht so ist, hat sich über die vergangenen Jahre nachhaltig erhärtet. Zumindest in den Bundesländern tut sich etwas, dort haben Landestrainerinnen und Landestrainer mittlerweile Verträge, die nicht mehr zeitlich befristet sind. Damit sind sie sogar im Jugendbereich teils besser gestellt als Bundestrainer. Das ist eine absurde Situation.
Die teilweise prekäre Lage von Trainer*innen im deutschen Leistungssport wird oft beklagt. Worin siehst du die drängendsten Probleme, die euch daran hindern, noch erfolgreicher arbeiten zu können?
Der gesamte Berufsstand steht vor massiven Problemen, wenn wir es nicht schaffen, einen kompletten Systemwechsel einzuleiten. Junge Trainerinnen und Trainer zweifeln immer stärker daran, ob sich der Weg in diesen Beruf noch lohnt, wenn sie mit den geltenden Arbeitsbedingungen konfrontiert werden. Ich persönlich habe keine Kinder, ich möchte auch keinen Hauskredit mehr beantragen. Aber für die nachfolgenden Generationen sieht das deutlich anders aus. Wir brauchen also dringend eine Entfristung der Arbeitsverhältnisse und eine klar skizzierte Aussicht darauf, wie die Stufen einer Karriere im Trainerberuf aussehen können.
Bei aller Kritik: Was sind die positiven Faktoren des deutschen Systems, die hervorgehoben werden müssten, um für deinen Beruf zu werben?
Ich würde diesen Beruf nicht schon seit 20 Jahren ausüben, wenn es nicht auch positive Seiten geben würde. Wir arbeiten mit tollen Menschen, haben einen hohen Anteil an leistungsbereiten, ergebnisorientierten Athletinnen und Athleten, mit denen es großen Spaß macht, täglich an der Fortentwicklung zu arbeiten. Ich war selbst als Stabhochspringerin aktiv und hatte immer Freude daran, mich zielstrebig zu verbessern und mit anderen zu messen. Diese Bereitschaft nimmt generell immer mehr ab, und ich stelle mir schon die Frage, was für eine Gesellschaft daraus hervorgeht. Aber ich empfinde große Freude daran, Leistung zu entwickeln und Erfolge möglich zu machen. Im übertragenen Sinn lebe und sterbe ich mit meinen Athleten. Die emotionale Belastung, die unser Beruf mit sich bringt, ist enorm anstrengend, aber sie ist auch die Besonderheit, die viele andere Berufe nicht bieten können.
Wertschätzung ist ein Schlagwort, das im Zusammenhang mit eurem Berufsfeld oft verwendet wird. Über zu geringe Bezahlung haben wir bereits gesprochen, aber Wertschätzung für geleistete Arbeit kann sich auch anders zeigen als durch Überweisungen auf dem Konto. Welche Art der Wertschätzung fehlt dir für Trainer*innen aktuell besonders?
Die Frage, wofür wir Leistungssport überhaupt brauchen, wird in Deutschland nicht beantwortet. Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, die mich nicht kennen, kommt schnell die Frage, was ich so mache im Leben. Wenn ich dann antworte, dass ich Bundesstützpunkttrainerin für Stabhochsprung bin, finden die das spannend, aber fragen als Nächstes, was denn mein Hauptberuf sei. Das zeigt, wie die Gesellschaft über Leistungssport denkt: Dass es ein Hobby ist und kein Beruf. Die Gesellschaft steht leider nicht in dem Maße hinter dem Leistungssport, wie es wichtig und in meinen Augen auch angemessen wäre. Das haben für mich auch die Olympia-Referenden gezeigt. In Hamburg war die Bevölkerung gegen die Bewerbung! In NRW und München haben zwar zwei Drittel dafür gestimmt, aber ich stelle mir dennoch die Frage, wie wir es schaffen, dass ein ganzes Land in dieser Frage umdenkt. Dazu gehört zwingend, dass es endlich eine formale Ausbildung für Trainerinnen und Trainer geben muss. Die meisten werden, so wie es auch bei mir war, durch Zufall in diesen Beruf gespült. Ich wusste mit Mitte 20 noch nicht, dass das ein Hauptberuf sein kann, und so geht es vielen heute immer noch. Arbeitsrechtlich ist einiges, was wir in unserem Beruf tun, nicht haltbar. Und genau das wird unserem Berufsstand das Genick brechen, wenn es sich nicht gravierend verändert, denn die jüngeren Generationen machen so etwas schlicht nicht mehr mit.
Im Team gibt es kein Ich: Wie die DTB-Teams bei der WM bestehen wollen
Es hat etwas Anrührendes, wenn Bundestrainer mit ausländischen Wurzeln um Verständnis dafür bitten, dass Antworten, die sie in deutscher Sprache geben, Fehler beinhalten könnten. Als sei es nicht schon eine ungewöhnliche Leistung, nach vier Jahren im Amt vollkommen problemlos alle Fragen zu verstehen und nicht nur verständlich, sondern auch inhaltlich fundiert beantworten zu können. Aber im Gerätturnen, wo Nuancen den Unterschied zwischen Gold und Blech ausmachen, ist Perfektion gefragt, und die gehört für Gerben Wiersma auch in Pressekonferenzen zum guten Ton.
Von diesem Sonntag an steht der 49 Jahre alte Niederländer ein wenig mehr im Fokus, als ihm lieb ist. Für eine Woche ist Rotterdam das Zentrum der Turnwelt, in der Hafenstadt an der Nordsee werden die Weltmeisterschaften ausgetragen. Und Wiersma, seit 2022 Chefcoach der deutschen Frauenriege, freut sich auf die Titelkämpfe in seinem Heimatland. „Turnen ist in den Niederlanden sehr beliebt, die Fans sind enthusiastisch, ich erwarte eine sehr gute Atmosphäre“, sagt der aus Heerenveen stammende Übungsleiter, der die stimmungsvolle Ahoy-Arena fast so gut kennt wie sein eigenes Wohnzimmer. „Meine erste WM in Leitungsfunktion habe ich 2010 in Rotterdam erlebt, außerdem finden dort in jedem Jahr die nationalen Meisterschaften statt. Ich weiß also, was uns erwartet“, sagt er.
„Der Schlüssel zum Erfolg ist Wirksamkeit“
DOSB: Lothar, du bist seit 2024 Direktor der Trainerakademie des DOSB in Köln. Bitte beschreibe interessierten Laien doch einmal, was dein Tätigkeitsfeld umfasst.
Lothar Linz: Gerne! Meine hauptsächliche Arbeit besteht darin, die unterschiedlichen Angebote, die wir an der Akademie machen, inhaltlich und organisatorisch zu koordinieren. Wir bieten nicht nur das Diplomstudium an, sondern auch eine Ausbildung im Bereich Athletiktraining, im Bereich Langhanteltraining, und wir haben eine Nachwuchstrainer-Ausbildung unterhalb des Diplomstudiums, die noch viel zu wenig bekannt ist, obwohl sie einen sehr wichtigen Bereich abdeckt für Menschen, die speziell im Nachwuchs tätig sein wollen. Dazu kommt das Trainermentoring, wo wir Menschen darin qualifizieren, weniger erfahrene Trainerinnen und Trainer in ihrem Beruf weiterzuentwickeln. Das alles darf ich organisatorisch gestalten, ich mache eine Haushaltsplanung und trete repräsentativ der Politik gegenüber auf. Ich habe eine Führungsverantwortung, die ich mit viel Freude wahrnehme. Aber ich bin auch weiterhin in der Lehre tätig, leite Unterrichtseinheiten im Bereich der Sportpsychologie, was für mich total hilfreich ist, weil ich auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und in Kontakt mit den Studentinnen und Studenten bleibe. Das ist eine echte Win-win-Situation.
Was ist die wichtigste Rolle der Trainerakademie im deutschen Leistungssport?
Es geht um die Spitzentrainer-Ausbildung, das ist unsere Hauptaufgabe, für die wir vor mehr als 50 Jahren gegründet worden sind. Die Spitzenqualifikation von Trainerinnen und Trainern, die ein Verband von sich aus nicht leisten kann, sehen wir auch weiterhin als unsere wichtigste Aufgabe an. Das Besondere an unserer Einrichtung ist, dass wir sportartenübergreifend arbeiten. Das bedeutet, dass aus allen Sportarten außer dem Fußball, der eine eigene Einrichtung zur Spitzenausbildung hat, Menschen aus verschiedensten Sportarten zu uns kommen. Dieser Austausch über die verschiedenen Sportarten hinweg bedeutet einen großen Mehrwert, den wir auch immer wieder gespiegelt bekommen. Wir haben herausragende Referent*innen in allen Bereichen. Die Impulse, die davon ausgehen, bereichern die Teilnehmenden sehr.
Ist die Ausbildung an der Trainerakademie Menschen aus dem Leistungssport vorbehalten, oder kann ich auch als Breitensportcoach davon profitieren?
Das Diplomtrainer-Studium ist ganz klar auf den Leistungssport ausgerichtet. Aber es gibt andere Formate wie unsere Fortbildungsangebote, die offen für alle sind. Daran können auch Menschen mit einer C-Lizenz teilnehmen, was sie auch tun, weil sie dort thematischen Input erhalten, der sie weiterbringt, und mit Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen, die auf höherem Level Erfahrungen gesammelt haben und diese teilen. Da ist eine große Offenheit da. Es gibt Einrichtungen wie die Trainerakademie auch in vielen anderen Ländern. Die sind zwar spezifisch für ihre Bedürfnisse alle etwas unterschiedlich aufgestellt, aber alle führenden Nationen haben spezielle Einrichtungen für die Spitzentrainerausbildung.
Was sind die Zugangsvoraussetzungen, um an der Trainerakademie ausgebildet zu werden?
Wir sind Teil des DOSB-Lizenzsystems. Das heißt, unser Abschluss Diplom-Trainer*in ist der höchste Abschluss, den man in Deutschland erlangen kann. Man kann dieses Studium nur aufnehmen, wenn man eine A-Lizenz hat, die im Vergleich zur B- und C-Lizenz eindeutig leistungssportlich ausgerichtet ist. Bei der Ausbildung zum Nachwuchstrainer reicht auch der B-Schein. Es ist immer die Frage, auf welchem Niveau wir uns bewegen und was genau gesucht wird. Für das Diplomstudium braucht es zudem eine Empfehlung des zuständigen Spitzensportverbands. Man kann sich nicht einfach selbst anmelden, der Verband muss untermauern, dass man ein Kandidat für eine wichtige Rolle im Leistungsbereich ist, ob als Landestrainer, Nachwuchs-Bundestrainerin oder in ähnlicher Funktion. Es geht darum, Verantwortung für Kaderathlet*innen tragen zu können, das ist eine wichtige Voraussetzung, um für das Diplomstudium infrage zu kommen. Es kann auch ein Vereinstrainer in einem zentralen Verein für die Kaderausbildung sein. Aber ohne Empfehlung des Spitzenverbands geht es nicht. Alle anderen Angebote sind offen ausgeschrieben und für alle, die mindestens die C-Lizenz haben, zugänglich. Da freuen wir uns über alle, die zu uns kommen. Aktuell haben wir einen Interessentenstamm von rund 2000 Personen. Das zeigt, wie breit das Angebot gestreut ist.
Du selbst bist schon seit fast 30 Jahren als Sportpsychologe tätig. Welchen Stellenwert hat dieser Bereich in der Ausbildung von Trainer*innen, und welchen sollte er haben?
Es hat sich sehr verändert. Man sieht deutlich, dass der Anteil der psychologischen Inhalte gestiegen ist. Wenn man die Teilnehmenden in den Fortbildungen und im Diplomstudium fragt, welche Themen ihnen wichtig sind, wird besonders nach psychologischen Inhalten gefragt. Ich betone aber bewusst, dass wir das nicht überhöhen sollten. Das klassische Wissen muss auch weiterhin Vorrang haben. Es nutzt gar nichts, wenn man ein guter Psychologe ist, aber von der Trainingslehre keine Ahnung hat. Deshalb bin ich vorsichtig, die Sportpsychologie in der Form überzubewerten, wie es teilweise geschieht, so als ob sie das Master Game wäre. Ohne fundiertes Training lassen sich keine Spitzenathlet*innen entwickeln. Punkt! Dass das Mentale aber in der Führung von Athletinnen und Athleten eine entscheidende Rolle spielen kann, das wird zu Recht immer mehr gesehen. Auch international ist der Trend, verstärkt über Coaching zu reden. Coaching umfasst die Bereiche Führung, Umgang mit Menschen im Wettkampf, Umgang mit den Menschen in meinem Staff und im Verband, das gehört alles dazu und hat in der Wahrnehmung deutlich an Wert gewonnen. Und ich denke, das ist auch der Stellenwert, den dieser Bereich haben sollte.
Gibt es ein klar definiertes Bild davon, was einen guten Trainer und eine gute Trainerin ausmacht? Und was die sehr guten von den guten unterscheidet?
Die Antwort ist jein. Wir sehen, mit wie vielen unterschiedlichen Ansätzen Trainerinnen und Trainer erfolgreich sein können, was auch erklärbar ist, weil die Athletinnen und Athleten alle unterschiedlich sind. Manche benötigen klare Vorgaben, sie wünschen, dass ihre Trainer ganz eng im Kontakt sind und sehr intensiv führen. Gleichzeitig gibt es andere, die sehr viel Autonomie suchen und ihre Individualität nach vorn stellen. Das habe ich alles in meiner praktischen Arbeit als Sportpsychologe erlebt und gesehen, wie unterschiedlich die Wege zum Erfolg sein können, selbst innerhalb derselben Sportart. Nehmen wir Hockey, da waren Bernhard Peters und sein Nachfolger Markus Weise als Bundestrainer der Herren mit sehr unterschiedlicher Führung von Athleten durchaus vergleichbar erfolgreich. Der Schlüssel zum Erfolg ist Wirksamkeit, es muss das Ziel jedes Trainers und jeder Trainerin sein, Wirksamkeit zu erzielen. Dazu muss man schauen, was man selbst mitbringt, was auf der Seite der Athlet*innen vorhanden ist und benötigt wird und wie man das am besten passgenau zusammenführt. Trotzdem, und das begründet das Jein, gibt es Dinge, die allen Trainer*innen gut zu Gesicht stehen. Eine Grundhaltung zu haben, niemals fertig zu sein, niemals alles zu wissen, sondern immer bereit zu sein, neue Impulse zuzulassen und zu lernen, ist sehr wichtig. Sport ist immer in Bewegung, was vor zehn Jahren ausreichte, um Erfolg zu haben, ist heute vielleicht nicht mehr genug. Neugierig und offen zu sein, das sehe ich als unerlässlich an. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Bernd Berkhahn, Bundestrainer Schwimmen, der mit seiner Trainingsgruppe in Magdeburg seit Jahren Weltklasseergebnisse erreicht und brutal erfolgreich ist. Der veranstaltet kein Hexenwerk. Er ist super fleißig, setzt sich sehr für seine Gruppe ein und bringt immer wieder neue Impulse ins Training ein. Er macht einfach eine grundsolide Arbeit, aber das ist alles menschlich, was da passiert.
Viel wird darüber diskutiert, wie lukrativ der Trainerberuf in Deutschland ist. Gerade angesichts familienunfreundlicher Arbeitszeiten oder – im Vergleich zum Ausland – unterdurchschnittlicher Bezahlung: Warum würdest du Menschen dennoch empfehlen, eine Karriere im Trainerbereich anzustreben?
Für die allermeisten, die sich für diesen Beruf entscheiden, ist es die Leidenschaft für den Sport, die den Ausschlag gibt. Das Problem ist, dass diese Leidenschaft vom System ausgenutzt wird. Man glaubt, Trainer*innen schlechtere Arbeitsbedingungen zumuten zu können, weil die Leidenschaft so hoch ist, dass sie alles hinnehmen, und das ist die Crux. Es ist toll, mit jungen, motivierten Menschen in einem positiven Umfeld arbeiten zu können, man kann großartige Dinge miteinander erleben. Wachstum und Entwicklung von jungen Menschen zu erleben und zu prägen, ist sehr bereichernd, zudem ist Sport ein sehr wichtiger Teil der Gesellschaft. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass der Trainerberuf mehr Wertschätzung verdient. Nicht nur, weil wir für diese Menschen eine Verantwortung tragen, sondern weil wir uns darüber klar sein sollten, dass der Sport genau wie die Kultur einen wichtigen Beitrag für das Zusammenwirken der Gesellschaft leistet, auch wenn er nicht lebensnotwendig ist. Was ich am Sport ganz besonders mag: Dass er eine Verdichtung des Lebens darstellt. Der Finaltag bei Olympischen Spielen zum Beispiel bietet eine Intensität, die im Alltag überhaupt nicht erlebbar ist. Eine Dichte, die man im Privatleben nur von einer Hochzeit oder einer Geburt kennt, von denen man so viele Momente ein Leben lang in Erinnerung behält. Sport bietet das auf allen Ebenen, beileibe nicht nur bei Olympischen Spielen, das erlebt man auch bei Nachwuchsmeisterschaften. Sport ist Leben live! Diesen Teil mag ich am Sport sehr, und das empfinden viele Trainerinnen und Trainer genauso.


