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„Hochwertiger Leistungssport ist der Kern der Finals“

DOSB: Hagen, wenn du dich an die erste Ausgabe der Finals 2019 zurückerinnerst und siehst, was sich seitdem aus dem Format entwickelt hat: Was freut dich am meisten und was ist für dich die größte Überraschung?

Hagen Boßdorf: Die größte Freude bereitet sicherlich der Blick auf die Zahlen. 2019 sind wir mit neun Sportarten an zwei Tagen gestartet, in diesem Jahr werden es an vier Tagen 24 Sportarten sein. Wir werden rund 4.000 Athlet*innen am Start haben und 30 Stunden im TV und mehr als 100 in bis zu acht Streams übertragen werden. Mit diesen Dimensionen hätte ich vor sieben Jahren nicht gerechnet. Ich war von der Idee immer überzeugt, die Bündelung der Sportarten und die Unterstützung durch ARD und ZDF bieten ein sehr schlüssiges Konzept. Ich habe auch gehofft, dass die Finals eine hohe Strahlkraft entwickeln könnten, dass sie viele Menschen anziehen und hohe TV-Quoten erreichen würden. Aber dass wir so schnell in diese Dimensionen vordringen, ein solches Interesse bei Sportverbänden und Städten erzeugen würden, unbedingt dabei sein zu wollen, das hat mich schon überrascht.

Welche Auswirkungen hat dieses rasante Wachstum auf die Organisation des Events, und wo siehst du die Grenze für das Programm?

Es besteht Einigkeit unter allen Partnern des Systems, dass vier Tage die Obergrenze sind. Das ist für ein solches Format ein angemessener Zeitraum. Rund 20 Sportarten sind das, was das Format maximal verträgt. Aufwand und Nutzen müssen in einem sinnvollen Verhältnis stehen, ansonsten drohen manche Sportarten in der Sendedauer und der öffentlichen Aufmerksamkeit zu kurz zu kommen. Deshalb sehe ich, dass wir die Grenze für das Sportartenprogramm erreicht haben. Wo wir durchaus noch Potenzial haben, ist die Ausformung des Begleitprogramms. Wir haben in diesem Jahr mit den erstmals durchgeführten Schul-Finals von April bis Juni rund 14.000 Schülerinnen und Schüler erreicht, haben sie mit Sport und Vereinen in der Region in Verbindung gebracht. Für solche Themen sehen wir noch mehr Raum.

Dresden hat im vergangenen Jahr mit einem sehr kompakten Konzept und der Schönheit der Stadt als angemessene Kulisse gepunktet. Was wirft Hannover in diesem Jahr in die Waagschale?

Auch hier gibt es eine Konzentration auf ein sehr kompaktes Konzept, viele Sportstätten sind fußläufig in der Innenstadt erreichbar. Nur die ZAG arena am Stadtrand und das Steinhuder Meer rund 35 Kilometer nordwestlich liegen etwas abseits, aber das verleiht dem ganzen Konzept einen eigenen Charme, weil die Region sich in der Finanzierung sehr engagiert und wir deshalb bewusst diese Außenstandorte einbeziehen wollten.

Besonders auffällig ist in diesem Jahr der Mix aus Tradition und Moderne und die Vielfalt des Sportprogramms. Welche Neuerungen sind dir besonders wichtig?

Es gibt Kernsportarten für die Finals, das sind Leichtathletik, Schwimmen, Turnen und Triathlon. Bei allen anderen Sportarten schauen wir genau darauf, was sie an Besonderheiten einbringen können. Gibt es besondere Sportstätten, wie in diesem Jahr zum Beispiel die Leinewelle für das Rapid-Surfen oder im kommenden Jahr in Stuttgart die Strecke für BMX Race? Werden Tradition und Moderne in herausragender Weise verbunden, wie in Hannover zum Beispiel mit Breaking im Rathaus? Sind herausragende Athletinnen und Athleten am Start? Das Angebot vor Ort muss stimmig sein. Dann achten wir selbstverständlich auch darauf, dass die Mischung im TV-Programm zwischen traditionsreichen Sportarten und neuen Elementen passt. All diese Dinge haben wir im Blick, und ich glaube, dass wir damit einen richtigen Weg beschreiten.

Wie groß ist die Herausforderung, die Balance zu halten zwischen der Aufgabe, Versuchslabor für neue Sportformate zu sein, und der Pflege bekannter und bewährter Traditionen?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung, weil es mit der Gesamtanzahl von Sportarten korrespondiert. Deshalb sind wir sehr am Austausch mit den Fachverbänden und dem DOSB interessiert, um Trends zu entdecken und erfolgreiche Athletinnen und Athleten zu würdigen, ohne dabei die traditionsreichen und beliebten Sportarten zu vernachlässigen. Diese Mischung wollen wir haben. Mein Gefühl ist, dass wir diese Balance grundsätzlich gut hinbekommen.

Welche Sportart(en), die bislang noch nicht Teil der Finals waren oder sind, wünschst du dir noch für das künftige Programm?

Beachvolleyball haben wir in diesem Jahr zum ersten Mal dabei, das freut mich sehr. Was ich aus alter Verbundenheit zu diesem Sport gern ins Programm aufnehmen würde, ist Straßenradsport. Wir hatten schon Bahnrad, haben jetzt auch BMX, aber Straßenradsport fehlt noch. Leider ist das terminlich fast unmöglich. Die nationalen Meisterschaften werden europaweit in der Woche vor der Tour de France ausgetragen, die sind leider nicht flexibel. Wenn sich das für uns zufällig mal ergeben würde, dass es in beide Kalender passt, wäre das sehr schön.

Was bedeutet es für die Sommersportarten, dass ihre nationalen Meisterschaften derart in den Fokus rücken?

Die Bühne, die wir den Sportarten und ihren Athletinnen und Athleten geben können, ist außergewöhnlich. Die meisten sind selbst mit ihren internationalen Großereignissen auf einem anderen Level der öffentlichen Wahrnehmung unterwegs, und die Deutschen Meisterschaften außerhalb der Finals finden auf einem ganz anderen Niveau statt als die, die Teil der Finals sind. Dass wir eine so umfangreiche Live-Abdeckung liefern können, ist der größte Wert unseres Formats, deshalb wollen ja alle dabei sein. Wir mussten für diese Ausgabe 15 Sportarten ablehnen, die sich um eine Aufnahme beworben hatten.

Sportdeutschland trifft sich bei den Finals in Hannover

Für den DOSB bieten die Finals in Hannover eine besondere Plattform: Zum einen zeigt der DOSB großflächig die Kampagne zur Olympiabewerbung „Die Bewegung, die Deutschland jetzt braucht“. Sichtbar wird diese unter anderem beim Bogensport vor dem Rathaus, bei den Turn-Wettbewerben in der ZAG-Arena sowie beim Beachvolleyball auf dem Opernplatz. Zum anderen empfängt der DOSB die Medaillengewinner*innen der Olympischen Spiele von 1976 in Innsbruck (Winter) und Montreal (Sommer), die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum feiern. Die Finals sind für den DOSB in diesem Sommer somit ein einmaliger Treffpunkt des deutschen Sports. 

Trotz ihrer unterschiedlichen Dimensionen weisen die Finals und die Olympischen und Paralympischen Spiele einige Gemeinsamkeiten auf. Beide Formate verschaffen Sportarten und Athlet*innen eine Bühne, die sie im regulären Sportalltag oft nicht erhalten. Während Olympische und Paralympische Spiele alle vier Jahre weltweit für Aufmerksamkeit sorgen, schaffen die Finals auch dank der umfangreichen Live-Berichterstattung von ARD und ZDF eine vergleichbare Sichtbarkeit für zahlreiche Disziplinen in Deutschland. 

Auch was die Ausrichtung der Spiele angeht, lässt sich ein Vergleich ziehen: Wie die Olympischen und Paralympischen Spiele passen sich auch die Finals den Gegebenheiten der Gastgeberstadt an. Bestehende Sportstätten werden genutzt, kurze Wege geschaffen und der Sport bewusst in den urbanen Raum geholt, um möglichst viele Menschen zu erreichen. 2026 in Hannover liegt der Fokus auf den Wassersportarten, die durch die Austragung am Maschsee eine zentrale Rolle einnehmen. Und nicht nur der Spitzensport soll von den Finals profitieren: In diesem Jahr wurden erstmals „Schul-Finals“ ausgetragen, die der DOSB im Rahmen der Partnerschaft ebenfalls unterstützt. Knapp 15.000 Kinder und Jugendliche aus 88 Schulen wurden dabei aktiv in das Veranstaltungsgeschehen eingebunden. 

Die Partnerschaft des DOSB mit den Finals steht noch am Anfang, dennoch ist die Perspektive klar: Der DOSB möchte sich auch in Zukunft einbringen und einen Teil dazu beitragen, die Finals weiterzuentwickeln. Diese bilden mit Blick auf das gemeinsame sportpolitische Ziel, Olympische und Paralympische Spiele wieder nach Deutschland zu holen, einen wichtigen Baustein. 

Mehr Infos zur Olympiabewerbung gibt es hier: https://dafuer-sein-ist-alles.de/

Minijobs im Sport erhalten und Ehrenamt wertschätzen

Die Reform des Alterssicherungssystems gehört zu den wichtigsten politischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Angesichts des demografischen Wandels begrüßt der DOSB, dass die Bundesregierung die notwendigen Reformschritte angeht.

Mit Sorge blickt der DOSB jedoch auf die Empfehlung, Minijobs abzuschaffen. Im Sport sind derzeit rund 143.000 Menschen auf Minijob-Basis beschäftigt. Viele von ihnen engagieren sich als Trainer*innen oder Übungsleiter*innen neben einer bereits bestehenden Vollzeit- oder vollzeitnahen Beschäftigung. Hinzu kommen Studierende und Rentner*innen, die sich in Sportvereinen einbringen.