Grüner Weg 1, 27793 Wildeshausen

„Schwimmen ist eine Lebenskompetenz, die jeder Mensch erwerben sollte“

DOSB: Jan, der Bund hat für dieses Jahr 250 Millionen Euro für die Sanierung von Schwimmbädern in Aussicht gestellt. Freut man sich als DSV-Vorstandsvorsitzender darüber, oder sieht man schon jetzt eher die vielen Bäder, die trotzdem leer ausgehen werden? 

Jan Pommer: Zunächst einmal freuen wir uns darüber sehr, weil es in Zeiten knapper Kassen nicht selbstverständlich ist, dass finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das kaschiert aber selbstverständlich nicht die Tatsache, dass der Gesamtbedarf für die Sanierung von Schwimmbädern in Deutschland um ein Vielfaches höher liegt. Unterschiedliche Schätzungen gehen von einer Summe bis zu zehn Milliarden Euro aus. Die Notwendigkeit für einen neuen Goldenen Plan ist offenkundig hoch.

Was ist bei der Verteilung der Gelder aus dem Sondervermögen aus deiner Sicht für die Schwimm-Infrastruktur besonders zu beachten? 

Wir haben uns stark dafür eingesetzt, dass die Antragsverfahren so einfach wie möglich gestaltet werden und dass auch Vereine selbst  diesen eigenständig anmelden können und nicht über ihre Kommune gehen müssen. Außerdem ist uns sehr wichtig, dass in dieser ersten Tranche vor allem Bäder saniert werden, die eine wichtige Rolle für das Schwimmenlernen spielen. Natürlich freuen wir uns auch über moderne Spaßbäder, aber die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung ist das Fundament, das wir dringend stärken müssen. Dafür braucht es funktionsfähige Lehrschwimmbecken, deshalb drängen wir darauf, dass es hier eine Priorisierung der Mittel geben kann und vor allem solche künftig errichtet werden.

Der DSV hat weiterhin mehr als 600.000 Mitglieder, auch die Zahl der Vereine ist leicht gestiegen. Wie groß sind die Probleme, diesen Menschen verlässlich die Möglichkeit zu bieten, Schwimmsport zu betreiben? 

Diese Frage möchte ich zweigeteilt beantworten. Auf der einen Seite müssen all jene Vereine, die keine eigenen Bäder betreiben, sehr hart um entsprechende Wasserzeiten kämpfen. Dabei stehen sie im Wettbewerb mit anderen Stakeholdern und werden auch mit den kommunalen Finanznöten konfrontiert. Wir haben natürlich Verständnis dafür, dass alle Seiten sehen müssen, wie sie ökonomisch tragfähig arbeiten. Aber in diesem Wettbewerb muss die Vereinsarbeit priorisiert werden. Das schadet sonst den Vereinen und damit auch all den Menschen, die ihren Schwimmsport nicht wie erwünscht ausüben können. Auf der anderen Seite haben wir ein grundsätzliches Problem, weil in Deutschland ganz einfach viel zu wenige Wasserflächen zur Verfügung stehen. Jedes Jahr schließen Bäder und werden auch nicht wieder eröffnet, auch weil der Betrieb fälschlicherweise als „Groschengrab“ gilt. Diesen Problemen stellen wir uns, aber wir schaffen das nicht allein. 

Die Zahlen der Menschen, insbesondere im Kinder- und Jugendbereich, die nicht schwimmen lernen, sind alarmierend. Was kann der DSV noch unternehmen, damit all die Appelle, die immer wieder von euch ausgehen, nicht ungehört bleiben? 

In der Tat ist der Status Quo schlecht. Jedes Jahr verlassen rund 500.000 Kinder die Grundschulen, ohne sicher schwimmen zu können. Die gute Nachricht ist aber, dass man dagegen durchaus vieles tun kann. Wir können mehr Angebote schaffen und besser, vor allem zielgerichteter dafür werben, damit diese auch bekannt werden. Uns geht es darum, allen Menschen klarzumachen, dass Schwimmen eine Lebenskompetenz ist, die jeder erwerben sollte. Aber natürlich auch, dass es ein wunderbarer Sport ist, der vom Kleinkind bis zum Greis ausgeübt werden kann. Wir müssen unsere Angebote noch niedrigschwelliger zugänglich machen. Außerdem müssen wir mehr Übungsleitende ausbilden. Dazu sprechen wir gerade mit dem Bund über eine Förderung, die das unterstützen könnte. Als letzten Punkt möchte ich die Chance herausstreichen, die uns die flächendeckende Umstellung auf den Ganztag in den Schulen bietet. Wenn wir mit allen daran beteiligten Institutionen gut und unkompliziert kooperieren, können wir darüber das Schwimmenlernen einer viel breiteren Zielgruppe näherbringen. 

Wie steht Deutschland eigentlich im internationalen Vergleich da? Wie ist es um die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung statistisch bestellt? 

Im europäischen Vergleich stehen wir leider nicht gut genug da, da waren wir schon besser und wollen unbedingt auf diesen Standard zurück. Weltweit gibt es sicherlich viele Regionen, in denen die Kulturtechnik Schwimmen nicht zur Selbstverständlichkeit gehört.

„Das Gefühl von Schwerelosigkeit und Freiheit im Wasser ist durch nichts zu ersetzen“

Wasser war schon immer mein Element, zumindest so lange meine Erinnerung zurückreicht. Ich war eins dieser Kinder, das man mit blauen Lippen aus dem Wasser ziehen musste, weil ich einfach nicht genug vom Schwimmen bekommen konnte. Ich habe es geliebt, bei uns in Bruchköbel, wo ich aufgewachsen bin, im Freibad die Wasserrutsche hinunterzurasen, vom Sprungturm zu springen und endlos im Wasser zu plantschen. Zum Glück hatte ich eine Oma, die mich zwar nicht ins kalte Wasser geworfen, aber mich doch sorgenfrei hineinspringen hat lassen. Und einen Papa, mit dem ich jeden Sonntag ins Schwimmbad gehen konnte. Irgendwann, ich muss acht Jahre alt gewesen sein, wollte ich unbedingt die ganzen Schwimmabzeichen erwerben und habe an einem Tag die Prüfungen für Silber und Gold hintereinander abgelegt. Da sagte der Bademeister zu meinem Vater: „Vielleicht sollten Sie das Mädchen mal in einen Schwimmverein geben!“

Das war allerdings auch schon zu Beginn der 2000er-Jahre nicht ganz so einfach. Unser Heimatverein hatte sechs Monate Wartezeit. Also bin ich zu unserem DLRG-Ortsverein gegangen und habe dort trainiert. Das Training fand manchmal parallel mit den „normalen“ Schwimmern statt, und weil die Vereinstrainer sahen, was ich schon konnte, haben sie Gnade walten lassen und mich in der Warteliste vorgezogen, so dass ich doch recht bald ein Probetraining absolvieren durfte. Das war der Beginn einer Leidenschaft, aus der viel mehr wurde als ein Hobby.

Was für mich die Faszination des Schwimmens ausmacht, kann ich bis heute ganz deutlich beschreiben. Es ist dieses Gefühl von Schwerelosigkeit und die Möglichkeit, in eine ganz eigene Welt abzutauchen. Wir alle tragen einen imaginären Rucksack mit uns herum, der mit unseren To-Dos, Sorgen und Belastungen gefüllt ist. Für mich war das Schwimmen immer das beste Rezept, um die Sorgen des Alltags – ob es Ärger im Freundeskreis war oder das Lernen für die Schule oder das Studium – hinter mir zu lassen. In dem Moment, in dem ich das Wasser über mir zusammenfließen sah und nur noch das Rauschen in meinen Ohren hörte, hatte ich ein Gefühl von Freiheit, das durch nichts zu ersetzen ist. Es gibt mittlerweile Tage, an denen ich nur für 500 Meter ins Schwimmbad fahre. Für eine ehemalige Leistungsschwimmerin ist das eine Distanz, für die eigentlich das Umkleiden nicht lohnt. Aber ich weiß, dass es mir guttut.

Wasser sollte niemals bedrohlich sein

Mir ist bewusst, dass gerade freie Gewässer, bei denen man nicht auf den Grund schauen kann, manchen Menschen Unbehagen und sogar Angst bereiten. Ich bin dankbar dafür, dass das bei mir nie der Fall war. Wasser sollte, sofern man sich mit den Gefahren auseinandersetzt, die Wettereinflüsse wie Sturm oder Gewitter mit sich bringen, niemals bedrohlich sein. Während meiner Leistungssportkarriere bin ich in der Freizeit tatsächlich nie ins Schwimmbad gefahren, sondern habe nur in Seen oder im Meer gebadet, weil ich abseits des Sports Wasser zur Entspannung nutzen wollte. Aber ich habe Wasser niemals als etwas betrachtet, das in mir Ablehnung hervorruft, sondern immer die Freiheit genossen, die es mir ermöglicht.

Dass aus meiner Leidenschaft ein Beruf wurde, war rückblickend eine logische Entwicklung. Ich bin bewusst Stufe um Stufe nach oben geklettert. Der Fakt, dass Schwimmen für mich mit Leistung verbunden war, hat zu keiner Zeit dazu geführt, dass ich den Spaß daran verloren habe. Mental war ich immer bereit dazu, mein Bestes zu geben. Es mag manche überraschen, aber ich habe 95 Prozent meiner Trainingseinheiten positiv empfunden. Zu sehen, was sich aus dem Körper herauskitzeln lässt, wenn man mit der notwendigen Disziplin ans Werk geht, hat mich immer fasziniert. Es gibt ja dieses Klischee, dass Schwimmtraining vor allem langweilig ist. Natürlich ist es nur ein Mythos, dass wir die Kacheln zählen. Im Training muss man immer fokussiert sein. Aber wenn man stumpf seine Ausdauerbahnen zieht, können die Gedanken schon mal abschweifen. Ich habe dann meist darüber nachgedacht, was ich noch einkaufen muss oder wen ich schon lange mal wieder anrufen wollte. Und irgendwie war das immer entspannend.

Die Olympiabewerbung für einen positiven Blick auf die Zukunftsgestaltung nutzen

Lebensqualität und Umweltgerechtigkeit sind wichtige Bedingungen für eine nachhaltige Zukunft – sowohl in Deutschland und Europa. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie in Zeiten des Klimawandels und wachsender Ungleichheit verschiedene gesellschaftliche Bereiche, darunter der Sport, zu mehr Umweltgerechtigkeit beitragen können. Dazu haben wir das nachfolgende Interview mit dem Bundesumweltminister geführt.

DOSB: Herr Minister, wie priorisiert das Bundesumweltministerium (BMUKN) das Konzept der Umweltgerechtigkeit in seiner aktuellen Umweltpolitik? Und welche Rolle spielt Umweltgerechtigkeit in der ressortübergreifenden Zusammenarbeit, etwa mit dem Bundesgesundheitsministerium, den Bundesbauministerium oder dem Bundesverkehrsministerium?

CARSTEN SCHNEIDER: Wir alle haben im Kern doch die gleichen Bedürfnisse, wenn es um Umwelt und Natur geht. Wir wünschen uns saubere Luft zum Atmen, sauberes Wasser zum Trinken. Ein Ausflug ins Grüne gibt uns Kraft und Zuversicht. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, dass uns allen das unabhängig von Einkommen, Bildung, Alter, Geschlecht oder Herkunft möglich ist. Menschen, die in Quartieren mit mehr Lärm leben, brauchen umso mehr ein Stück Natur wie einen Park oder eine öffentliche Wiese in der Nähe.

Während die einen dort einfach die Seele baumeln lassen, sehen die anderen darin eine Einladung zu Bewegung und Sport. Das ist Gold wert für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden und das soll so bleiben. Mit Klimaschutz und Klimaanpassung bewahren wir uns und unseren Kindern auch solche grünen Kraftquellen. Womit wir wieder beim Stichwort Gerechtigkeit sind.

Im Zusammenhang mit Umweltgerechtigkeit werden unter anderem die sozialräumliche Verteilung von Umweltbelastungen wie Lärm und Luftverschmutzung sowie der Zugang zu Natur und Grünräumen diskutiert. Herr Minister, welche konkreten Schritte unternehmen Sie, um mehr Umweltgerechtigkeit aktiv in nationale Strategien und Förderprogramme zu integrieren?

Das Ziel von Umweltgerechtigkeit sind gesunde Umwelt- und Lebensverhältnisse für alle Menschen. Die Kommunen sind hier entscheidend, um Umwelt, Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung mit Grün- und Freiflächenentwicklung sowie Verkehr zusammenzudenken und danach zu planen. Aber auch der Bund macht viel. So schützt etwa das Immissionsschutzrecht Menschen vor Luftverschmutzung oder Lärm. Mit der Nationalen Wasserstrategie stellen wir uns Herausforderungen des Klimawandels wie Hitze- und Dürreperioden. Damit auch in Zukunft Wasser überall versorgungssicher und bezahlbar bleibt.

Naturnahe Grünflächen in der Stadt zu fördern, spielt im Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt sowie bei der Umsetzung der EU-Wiederherstellungsverordnung eine wichtige Rolle.

Wie beurteilen Sie die Rolle von Sportvereinen und -verbänden bei Maßnahmen für mehr Umweltgerechtigkeit? Können Sportorganisationen als aktive Partner bei der Umsetzung umweltpolitischer Ziele, etwa einer klimaangepassten Stadtplanung oder der Verbesserung der Lebensqualität in sozial benachteiligten Quartieren, eingebunden werden? Planen Sie beispielsweise Kooperationsformate, bei denen Sportorganisationen als Multiplikatoren für sozial-ökologische Transformation wirken können?

Der Sport hat da großes Potenzial- schon allein wegen der gesellschaftlichen Bedeutung von Sportvereinen: Sport verbindet uns - egal wie unterschiedlich wir sonst sind. Das Miteinander auf und neben dem Spielfeld tut uns individuell gut und stärkt den Zusammenhalt in unserem Land. Davon profitiert auch der Umweltschutz, der in einer gespaltenen Gesellschaft schnell unter die Räder gerät. Wer in der Natur Sport treibt, dem wird ihre Schönheit und Verletzlichkeit bewusst. Wir schützen, was wir schätzen – gerade der Sport ist auf eine gesunde Umwelt angewiesen. Das wissen Sportvereine und tragen durch Bildung und Aufklärung zum Umweltschutz bei. Wir sehen uns als Partner des nachhaltigen Sports und arbeiten schon lange mit den Sportorganisationen zusammen an einer nachhaltigeren Zukunft. Mit dem DOSB arbeiten wir - nach einer gemeinsamen Konferenz zu Klimaanpassung im Sport letztes Jahr - im Förderprojekt „Klima wandelt Sport“ daran, wie wir auch in Zukunft unter klimatisch veränderten Bedingungen – etwa mehr und längeren Hitzeperioden - Sport treiben können.

Welche Bedeutung sollte das Prinzip der Umweltgerechtigkeit bei einer möglichen deutschen Bewerbung um Olympische Spiele haben? Und sehen Sie die Chance, dass Deutschland mit einem konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Bewerbungskonzept eine internationale Vorreiterrolle übernimmt und zugleich eine positive Legacy schafft?

Ich bin ein Olympiafan und unterstütze voller Begeisterung die deutsche Bewerbung. Ich bin sicher, dass diese nur erfolgreich sein kann, wenn sie konsequent nachhaltig gedacht und geplant wird. Die Menschen in Deutschland wollen kein UFO, das hier für ein paar Wochen landet und dann weiterzieht. Olympia soll und wird dem Breiten- und Leistungssport einen starken Schub geben. Wir sind ja grundsätzlich gut aufgestellt für Sportgroßveranstaltungen in Deutschland – wie man an dem gemeinsam entwickelten Portal nachhaltige-sportveranstaltungen.de und an erfolgreich durchgeführten Welt- und Europameisterschaften z. B. im Fußball oder Handball, bei den Special Olympics oder den World University Games sehen kann. Der Schub muss dann auch in die Breite gehen, nicht zuletzt in die Modernisierung der Sportstätten.

Wir reden über olympische und paralympische Spiele in 10 bis 20 Jahren - das ist kurz vor der Klimaneutralität, zu der sich Deutschland rechtlich verpflichtet hat. Da kann Deutschland zeigen, wie Olympia konsequent sozial, partizipativ und ökologisch organisiert werden kann. Wir sollten die Olympiabewerbung für einen positiven Blick auf die Zukunftsgestaltung vor Ort nutzen. In was für einer Umwelt und Gesellschaft wollen wir im Jahr 2040 leben – und was müssen wir tun, um dort hin zu gelangen? So ein Projekt kann Mut machen und Gemeinschaft schaffen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welches konkrete Projekt würden Sie gerne umgesetzt sehen, um Sport und Umweltgerechtigkeit in Deutschland effektiv miteinander zu verbinden?

Mehr Natur, in der man sich bewegen kann. Städte mit besser vernetzten Grünzügen tun uns sportlich gut, sind grüne Lungen für die Klimaanpassung und sorgen für eine vielfältige Stadtnatur.