Erfolgreiche Olympische Winterspiele 2026 gehen zu Ende
Olaf Tabor, Chef de Mission des Team D: „Die Athlet*innen haben uns mit ihren Leistungen bei den Olympischen Winterspielen große Freude bereitet und Millionen von Menschen begeistern. Wir hätten uns natürlich in einigen Sportarten ein paar mehr Medaillen gewünscht. Die vielen vierten Plätze zeigen, wie nah wir an der Weltspitze dran sind, aber es sind insbesondere für die Athlet*innen sehr undankbare Platzierungen. Wir sehen, dass andere Nationen stärker werden und uns das Leben auch im Wintersport nicht leicht machen. Trotzdem fällt mein Fazit insgesamt positiv aus und ich bin stolz auf das, was unser Team hier in den vergangenen zwei Wochen gezeigt hat.“
„Wir sind stolz auf die Leistung unseres gesamten Teams“
DOSB: Olaf, die Anzahl von 27 in Peking 2022 gewonnenen Medaillen können wir noch schaffen, auch wenn das erhoffte Ziel, am Ende unter den Top drei im Medaillenspiegel zu stehen, von Team D nicht mehr erreicht werden kann. Wie fällt dein Fazit aus?
Olaf Tabor: Ich habe vor Beginn der Spiele die Vorleistungen aus dem olympischen Winter als Grundlage dafür genommen, die Zielstellung zu begründen, mit der wir hier angereist sind. Wir wussten, dass wir uns einen harten Wettkampf mit einigen anderen Nationen liefern würden, die ebenfalls die Ambition auf einen Platz unter den ersten drei haben. Das erste Ziel war, die Medaillenausbeute von Peking erneut zu erreichen. Um das zweite Ziel zu erreichen, haben wir leider nicht genug Goldmedaillen gewonnen. Dennoch bin ich mit unserem Abschneiden überhaupt nicht unzufrieden, insbesondere weil die drei Sportarten im Eiskanal hervorragend geliefert haben. Aber auch, weil wir in einigen anderen Sportarten und mit unseren jungen Athletinnen und Athleten bewiesen haben, dass sie international konkurrenzfähig sind. Zweifellos ist es aber auch so, dass wir in zu vielen Disziplinen die Vorleistungen nicht bestätigen konnten und deshalb die erhofften Platzierungen nicht erreicht haben.
Mit bislang zwölf vierten Plätzen führt Deutschland die „Blech-Wertung“ an. Dazu kamen einige weitere Dramen wie die mit wenigen Hundertstelsekunden verpassten Goldmedaillen von Emma Aicher in der Abfahrt oder Laura Nolte im Monobob, auch das Sturzpech von Vinzenz Geiger im Teamsprint der Nordischen Kombination oder das Einfädeln von Lena Dürr am ersten Tor im zweiten Slalomlauf waren tragisch. Ist eine solche Häufung unglücklichen Abschneidens nur Pech?
Es war tatsächlich eine in dieser Form noch nicht vorgekommene Häufung an vierten Plätzen, die teilweise zwischen tragisch und dramatisch einzuordnen sind. Diese Plätze möchte niemand gern haben, am meisten ärgern sich die Athletinnen und Athleten darüber. Wir sehen aber gleichermaßen, dass auch vierte Plätze Weltklasseleistungen sind, die deutlich machen, dass wir international absolut konkurrenzfähig sind. Wir sind stolz auf die Leistungen aller unserer Athletinnen und Athleten aus dem Team Deutschland, die hier alles gegeben haben. Ihre Leistungen haben, das zeigen die Einschalt- und Nutzungsquoten der Medien deutlich, Millionen von Menschen begeistert und mitgerissen und den Wintersport in seiner ganzen Vielfalt präsentiert. Die Häufung der vierten Plätze ist sicherlich eine Mischung aus Pech und eigenen Fehlern. Für den Abbruch des Wettkampfs im Super-Team-Wettbewerb der Skispringer zum Beispiel können die Athleten gar nichts. Aber es hat auch Situationen gegeben, in denen Fehler dazu geführt haben, dass das Quäntchen zur Bronzemedaille gefehlt hat.
Im Eiskanal haben wir im Vergleich zu Peking drei Goldmedaillen – die beiden in den Einzelwettbewerben im Skeleton und der Männer-Doppelsitzer im Rodeln – nicht gewonnen. Müssen wir daraus konstatieren, dass die anderen Nationen in allen Bereichen aufholen und wir uns in einem nie dagewesenen Konkurrenzkampf befinden?
Diese Entwicklung ist tatsächlich in allen Sportarten zu beobachten. Wir sollten sehr froh sein, dass wir im Eiskanal immer noch eine Dominanz haben. Aber der Rest der Welt schaut auf unsere Technik und auf das, was wir einsetzen, um im Eiskanal die Nummer eins zu sein. Es gibt auch andere Nationen, die sehr gutes Material haben und starke Pilotinnen und Piloten, die uns die Medaillen streitig machen. Aber so muss Wettkampf sein, anders wollen wir es gar nicht, denn wir wollen Wettbewerb, in dem die Besten gewinnen - auch wenn wir dabei mal das Nachsehen haben. Wir können auch im Eiskanal nicht immer auf Platz eins fahren. Gleichzeitig haben wir im Zweierbob der Männer absolute Besonderheit gezeigt, dass wir auch weiterhin in der Lage sind, das gesamte Podium zu besetzen.
Abseits des Eiskanals macht es auf manche Beobachter den Eindruck, als seien wir abgehängt. Mit Blick auch auf die Vorleistungen in diesem Winter: Wie viele Sorgen bereitet dir das Abschneiden in Kernsportarten wie Biathlon, Eisschnelllauf oder Nordischer Kombination bei diesen Spielen?
So wie die Schlittensportarten unsere Domäne sind, sind die Skandinavier in den Nordischen Skisportarten besonders stark oder die Niederländer im Eisschnelllauf und Shorttrack. Deshalb bin ich zunächst einmal froh, dass wir mit dem Eiskanal eine Medaillenbank haben, auf die wir bauen können. Das reicht aber in der Tat nicht für die internationalen Topplatzierungen. Wir müssen eingestehen, dass wir in einigen Kernsportarten nicht in der Lage waren, die angesichts der Vorleistungen erwartbaren Ergebnisse abzurufen, und das müssen wir gesondert analysieren. Wir brauchen aber einen differenzierten Blick, dürfen die Anschlussplatzierungen zwischen Rang vier und acht nicht außer Acht lassen. Diese Analyse werden wir sehr ausführlich mit den Fachverbänden durchführen, ihnen dafür aber die notwendige Zeit lassen. Ich hatte schon vor der Abreise der unterschiedlichen Teilmannschaften allerdings das Gefühl, dass sie mit der Aufarbeitung bereits begonnen haben, woran es gelegen hat und wie man es abstellen kann. Dort, wo wir Rückstände auf die Weltspitze haben, werden wir mit den jungen Kräften die Lücken schließen müssen. Das wird eine herausfordernde Aufgabe werden, aber unser Anspruch muss es natürlich sein. Wir müssen auch schauen, was andere Nationen besser machen, und auch das wird Inhalt der Auswertungsgespräche mit den Verbänden sein.
Wieviel Zeit nehmen diese Auswertungsgespräche in Anspruch, und wie sehr wird sich das Ergebnis bei den Olympischen Spielen am Ende auf die Förderung auswirken?
Darauf lässt sich keine generelle Antwort geben. Einiges ist in überschaubarer Zeit in den Griff zu bekommen, anderes benötigt deutlich mehr Zeit. Wir haben gesehen, dass wir ausreichend Personal haben, das in der Weltspitze ankommen kann. Womit wir ein Problem haben, ist die Umsetzung des vorhandenen Potenzials in tatsächliche Podiumsplatzierungen. Die Konversionsrate der Topnationen ist teilweise erheblich besser als unsere. Wenn wir Antworten darauf hätten, warum das so ist, hätten wir sie längst gegeben. Zusammen mit den Fachverbänden müssen wir sie finden. Für die Bundesmittelförderung der Sportarten setzen wir ein potenzialorientiertes System ein, das zurückliegende Erfolge und künftige Potenziale einer Sportart berücksichtigt. Es geht sowohl um das Abschneiden bei den jüngsten Olympische Spielen als auch um Erfolgsaussichten der aktuellen Athleten in den kommenden Jahren. Die Förderung hängt schon länger nicht mehr nur von den Ergebnissen der letzten Zielwettkämpfe ab. Vereinfacht bedeutet das: Wer bei diesen Winterspielen nicht wie erhofft performt hat, kann über nachgewiesene Potenziale dennoch auf seinem Förderniveau bleiben.
Wendl / Arlt tragen deutsche Fahne bei Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele 2026
Mit ihrer Goldmedaille im Doppelsitzer als Teil der Rodel-Staffel am 12. Februar verewigten sich Wendl und Arlt in der deutschen Olympiahistorie. Gemeinsam kommen sie auf insgesamt sieben Gold- und eine Bronzemedaille seit den Olympischen Winterspielen von Sotschi 2014 und übertrafen damit ihre ehemalige Teamkollegin Natalie Geisenberger (38), die sechsmal Gold und einmal Bronze gewinnen konnte. Beide kündigten bereits an, dass diese Olympischen Spiele ihre letzten gewesen sein werden.
Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): „Tobias Wendl und Tobias Arlt sind gemeinsam mehr als zehn Jahre lang in der absoluten Weltspitze um Medaillen gefahren. Was sie geschaffen haben, bleibt für immer. Wir freuen uns sehr, dass wir mit den Tobis zwei wunderbare Fahnenträger gefunden haben. Sie haben sich diese Auszeichnung absolut verdient. Wir werden sie im Team D vermissen und hoffen, ihnen mit dem Erlebnis als Fahnenträger einen würdigen Abschied bereiten zu können.“

