Das Ehrenamt: Ein Schatz, den wir unbedingt bewahren müssen
Ich bin, und das sage ich voller Dankbarkeit für das, was mich geprägt hat, ein Kind des Vereinssports. Früher aktive Basketballerin bei der Turngemeinde Hanau und bis heute Mitglied im 1. Hanauer Tennis- und Hockeyclub - ein Leben ohne Sport im Verein war und ist für mich nicht vorstellbar. Unser Vereinssystem ist weltweit einzigartig. Neulich sprach ich mit einer Frau, die nach Deutschland zugewandert ist und mir ungläubig erzählte, wie überrascht sie war, dass es in Deutschland die Möglichkeit gibt, für vergleichsweise kleines Geld - Kinder zahlen im Schnitt vier Euro Beitrag pro Monat - Mitglied in einem Verein zu werden, in dem man jede Sportart ausüben darf, auf die man Lust hat. Ja, dachte ich, das ist tatsächlich großartig. Und dann wurde mir wieder einmal klar, wie wenig uns oftmals bewusst ist, was für einen Schatz wir damit besitzen!
Dieser Schatz allerdings droht an Wert zu verlieren, womit ich bei meinem beruflichen Lebensthema bin: dem Ehrenamt. Im Mai vergangenen Jahres hat uns der Sportentwicklungsbericht mit diversen Fakten konfrontiert, von denen besonders einer mich aufgerüttelt hat. Mehr als jeder sechste der rund 86.000 Sportvereine in Deutschland sieht seine Existenz dadurch bedroht, dass es zu wenig Personal gibt, das ehrenamtlich wichtige Aufgaben übernehmen kann oder möchte. Das ist eine Tendenz, die in ihrer drastischen Ausprägung neu ist, und die uns alle betrifft. Deshalb möchte ich dazu ein paar einordnende Sätze verlieren.
Ich bin nicht nur ein Kind des Vereinssports, sondern im DOSB auch eine Wegbegleiterin der ersten Stunde. 1995 habe ich in der Vorgängerorganisation Deutscher Sportbund, der 2006 mit dem Nationalen Olympischen Komitee zum DOSB fusionierte, die erste Stelle mit Zuständigkeit für Sport und Gesundheit besetzen dürfen. Später verantwortete ich das Thema Ehrenamt. Ich weiß deshalb aus eigener Erfahrung, dass früher beileibe nicht alles besser war. Auch damals wurden Menschen, die sich freiwillig und ohne Anspruch auf Entlohnung für den Sport engagierten, manchmal händeringend gesucht. Was sich jedoch verändert hat über die vergangenen 20 Jahre: Früher war es einfacher, solche Menschen zu finden.
Das Leben hat sich stark verdichtet
Allerdings waren damals die Lebensumstände andere. In meinen Sportvereinen waren die Vereinsvorsitzenden ältere Männer, die nach der Arbeit ihrem Amt im Sport nachgingen, während die Frauen ihnen daheim den Rücken freihielten. Die Lebensrealitäten haben sich verändert, wir sprechen gemeinhin von einer Verdichtung des Lebens, sehr viele Menschen geben an, weniger Zeit zu haben als früher. Ob dem tatsächlich so ist, sei einmal dahingestellt. Es gibt Studien, die aufzeigen, dass die Zeit schlicht anders als früher genutzt wird und wir eigentlich mehr Zeit denn je haben. Nur nutzen viele diese leider nicht mehr für ein Ehrenamt. Insbesondere der Medienkonsum ist exorbitant gestiegen, was wohl jeder und jede von uns auch an sich selbst beobachten kann.
Deutlich widersprechen möchte ich der verbreitet vorgetragenen These, dass das ehrenamtliche Engagement und der Zusammenhalt der Gesellschaft im Allgemeinen nachgelassen haben. Was wir stattdessen feststellen und im Freiwilligensurvey auch nachlesen können: Knapp 30 Millionen Menschen in Deutschland haben mindestens ein Ehrenamt, gut neun Millionen davon entfallen auf den Sport. Und es besteht auch unter den Menschen, die sich bisher nicht engagieren, eine hohe Bereitschaft für ein Engagement. Aus einer repräsentativen Studie, die das Leibniz-Institut für Medienforschung sowie das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt und mindline media gemeinsam mit ARD, ZDF und Deutschlandradio im Frühjahr 2025 durchgeführt haben, geht hervor, dass der Sport den mit Abstand wichtigsten Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leistet. Auch der Sportentwicklungsbericht zeigt, dass im Selbstverständnis der Sportvereine das Gemeinschaftsgefühl, Solidarität und die demokratische Beteiligung die wichtigsten Werte darstellen.
Problematisch ist der Bereich des langfristigen Engagements
Verändert hat sich allerdings die Verteilung der geleisteten Arbeit. Wir haben im Sport grundsätzlich kein Problem, für kurzfristige Projekte wie Großveranstaltungen, die zeitlich begrenzt sind, ausreichend helfende Hände zu finden. Problematisch ist der Bereich des langfristigen Engagements. Hier verteilt sich zunehmend mehr Arbeit auf weniger Schultern, und genau dieser Fakt ist es, der den Vereinen Existenzsorgen bereitet. Aus anderen gesellschaftlichen Bereichen heißt es oft, der Sport müsse mehr anderes Engagement anbieten, sich im Ehrenamt moderner aufstellen. Aber so einfach ist das nicht: Vereinsvorsitzende können nicht alle drei Monate ausgetauscht werden. Das zentrale Ziel eines Sportvereins ist es, dass Menschen eine Sportart erlernen und Bewegungskompetenzen erwerben. Damit einher geht nicht nur das Lernen von technischen und taktischen Fertigkeiten, sondern auch eine Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Auch bauen Sportler*innen Selbstbewusstsein und Selbstdisziplin auf, lernen mit Erfolg und Niederlagen umzugehen. Trainer*innen und Übungsleiter*innen übernehmen eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung – und dies tun sie in überwiegender Zahl ehrenamtlich. Solche Lernprozesse erfolgreich zu begleiten, braucht ein kontinuierliches Engagement. Wir brauchen also diejenigen, die sich langfristig dazu bereiterklären, ihre Freizeit zu opfern.
Dabei negieren wir im DOSB natürlich nicht, dass sich auch der organisierte Sport bewegen muss. Ein Beispiel, das einen Weg dahin aufzeigt, hat sich jüngst in Hamburg aufgetan. Moritz Fürste, zweimaliger Olympiasieger im Feldhockey und Miterfinder der neuen Fitnesssportart Hyrox, hat bei seinem Heimatverein Uhlenhorster HC das Präsidentenamt übernommen. Das war aber nur möglich, weil er die Aufgaben, die bislang der Vereinsvorsitzende Horst Müller-Wieland allein übernommen hatte, auf acht Mitstreiter*innen verteilt hat. So wird aus einem zeitintensiven Amt eine Art Jobsharing, in dem eine Gruppe von Menschen die anfallenden Aufgaben ehrenamtlich stemmen kann. Ich finde diese Art der Problemlösung vorbildlich, bin mir aber durchaus bewusst, dass es dafür einer Galionsfigur wie Moritz, der übrigens auch Persönliches Mitglied im DOSB ist, und einer motivierten Gruppe bedarf, die gemeinsam Lust am Gestalten hat.
„Ich liebe es, anzupacken und etwas zu verändern“
Einmal, nur ein einziges Mal hat sie sich gefragt, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen hat. 2017 war das, als Mareike Miller im Deutschen Rollstuhl-Sportverband als Nachfolgerin für die damalige Athletensprecherin Marina Mohnen kandidierte, und jemand zu ihr sagte, dass sie doch sowieso die Einzige sei, die sich so ein Amt antun würde. „Da habe ich schon kurz überlegt, warum so eine Aussage kommt“, erinnert sich die 35-Jährige, die sich damals nicht beirren ließ und ihr erstes sportpolitisches Ehrenamt antrat. Zum Glück, wie wir heute wissen, denn seit dem 6. Dezember 2025, als sie von der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes bestätigt wurde, zählt Mareike Miller als gewählte Vertreterin der Athlet*innen zum DOSB-Präsidium, sie hat Marathonläuferin Fabienne Königstein ersetzt und ist die erste aktive paralympische Sportlerin, die den Schritt ins Präsidium gegangen ist.
Dass sie überhaupt gehen kann, überrascht bis heute viele Menschen. „Wer mich nicht kennt, erwartet natürlich nicht, dass eine Fußgängerin kommt, wenn eine Rollstuhlbasketballerin angekündigt ist. Da gibt es immer wieder viel Erklärungsbedarf“, sagt die Paralympicssiegerin von 2012, die 2016 in Rio de Janeiro zudem Silber gewann und auch 2021 in Tokio und 2024 in Paris zum Kader der deutschen Frauen zählte. Stören tut sie das nicht, obwohl sie sich schon wünschen würde, dass zumindest unter Sportfans geläufiger wäre, dass ein Sportrollstuhl genauso ein Sportgerät ist wie ein Tennisschläger oder ein Ruder. „Ein Mitspieler von mir hat mal gesagt, dass der Rollstuhl für uns so ist wie das Paar Turnschuhe für Hallensportler, wir schlüpfen dort genauso hinein und nutzen ihn nur für Training oder Wettkampf.“
Zur Erklärung: Im Rollstuhlbasketball werden die Teammitglieder gemäß ihrer Einschränkungen bepunktet, die Punkte reichen von 1 bis 4,5, die Gesamtpunktzahl im Team darf 14 nicht überschreiten. Mareike, die ursprünglich „Fußgänger-Basketball“ spielte und wegen ihrer bis zum 18. Geburtstag erlittenen vier Kreuzbandrisse als Sportinvalidin gilt, ist mit 4,5 Punkten klassifiziert. „Ich wurde also in den Rollstuhlsport inkludiert und habe seitdem aus eigener Erfahrung heraus ein Faible für das Thema Inklusion“, sagt sie. Aber auch Geschlechtergerechtigkeit und das Schaffen eines professionellen Umfelds für Athlet*innen sind Felder, die sie seit acht Jahren mit viel Energie beackert.
Seit 2017 engagiert sie sich in sportpolitischen Ämtern
Die Lust daran, sich für die Allgemeinheit zu engagieren, sei bei ihr früh entstanden. „Ich habe mich schon immer dafür interessiert, warum Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren. Ich bin ein neugieriger Mensch, der gern hinter die Kulissen schaut“, sagt sie. Der Weg durch die Gremien, den sie seit 2017 gegangen ist, erscheint ihr deshalb in der Rückschau auch nur logisch. Kurz nach der Wahl zur Athletensprecherin wurde sie in die Athletenkommission des Deutschen Behindertensport-Verbands (DBS) berufen, 2020 zur Gesamt-Aktivensprecherin gewählt. Ein Jahr später kandidierte sie erfolgreich für das Präsidium von Athleten Deutschland, 2022 wurde sie in ihrer DBS-Rolle in die Athlet*innenkommission des DOSB kooptiert. Und nun, im Januar 2026, hat sie gerade eine Woche Praktikum hinter sich gebracht, um am DOSB-Hauptsitz in Frankfurt am Main die Strukturen und Abläufe im Dachverband des organisierten Sports besser verstehen zu lernen.
Sie nahm in der vergangenen Woche an der Vorstandssitzung teil, in der die 188 Athlet*innen für die Olympischen Winterspiele in Norditalien (6. bis 22. Februar) nominiert wurden. Sie erfuhr im Games Management, warum Großereignisse mit mehreren Jahren Vorlauf geplant werden müssen. Sie konnte den Vorstandsvorsitzenden Otto Fricke begleiten und Gespräche mit den Vorständen Michaela Röhrbein (Sportentwicklung), Thomas Arnold (Finanzen) und Leon Ries (Jugend) führen. Die Ressortleiterinnen Eva Werthmann (Verbandskommunikation) und Peggy Bellmann (Diversity) erläuterten ihre Tätigkeitsfelder, Laura Hohmann-Kießler und Ruben Göbel erklärten ihr das wissenschaftliche Verbundsystem. Alexander Best, Leiter des Exekutivbüros, stand ebenso Rede und Antwort wie Folker Hellmund, Direktor des Brüsseler EOC-EU-Büros. „Ich habe jetzt einen guten Überblick bekommen und mehr Verständnis für die Komplexität des DOSB gewonnen. Das waren wertvolle Einblicke für mich“, sagt sie.
Die Turngemeinde Herford von 1860 gewinnt den „Großen Stern des Sports“ in Gold
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender überreichten die bedeutendste Auszeichnung für gesellschaftliches Engagement von Sportvereinen in Deutschland gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Otto Fricke, und der Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Marija Kolak. Darüber hinaus erhielt der Verein aus Nordrhein-Westfalen im Rahmen der feierlichen Preisverleihung am Montag (26. Januar) in der DZ BANK in Berlin für diesen herausragenden Erfolg ein Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro.
Das Ehrenamt neu denken und nachhaltig stärken
Die Turngemeinde Herford von 1860 überzeugte mit ihrer Initiative „Vereinsheld 2025 - Unsere Zukunft ist Ehrenamt“, mit der sie eine umfassende Kampagne gestartet hatte, um das Ehrenamt neu zu denken und nachhaltig zu stärken. „Die Initiative basiert auf sechs Säulen - von monatlichen Netzwerktreffen und einer eigenen Heldenakademie über Qualifizierungsformate bis hin zum innovativen NextGen-Stipendium, das junge Engagierte ab 13 Jahren finanziell und persönlich fördert“, so Frederick Humcke aus dem Vereinsvorstand der TG Herford. „Ziel ist es, Engagement sichtbarer, attraktiver und zukunftsfähiger zu machen: durch Wertschätzung, Weiterbildung und echte Beteiligung.“ Mit seinem modularen Aufbau, den starken Partnernetzwerken und der Kombination aus sozialer Verantwortung, Förderung und Partizipation schafft das Engagement eine moderne Ehrenamtskultur mit Vorbildcharakter - in Herford und weit darüber hinaus. Das Projekt wurde über den gesamten Wettbewerbsverlauf von der Volksbank in Ostwestfalen begleitet.
