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Die stillen Helden der Einkleidung

Am 19. Januar 2006 liegt eine frische, sportliche Brise über dem Fliegerhorst der Bundeswehr in Erding. Der Militärflughafen im Raum München empfängt die deutsche Delegation für deren Einkleidung für die olympischen Spiele in Turin. Ludwig Zistl, Feldwebel am Standort Erding ist mittendrin. „Die Einkleidung war damals viel simpler, keine Medien, keine Werbepartner. Die Athlet*innen haben ihre Bekleidung bekommen und sind dann wieder gefahren“, erzählt der 69-Jährige. Zwanzig Jahre später, wieder sind es Olympische und Paralympische Winterspiele in Italien, wieder findet die Einkleidung in München statt und wieder ist Ludwig mit dabei. Diesmal mit seiner Frau Bärbel. 

„Der organisierte Sport kann als Motor für eine nachhaltige Entwicklung dienen“

DOSB: Herr Palm, der DOSB hat erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Welche Bedeutung hat dieser Schritt für den organisierten Sport insgesamt?

Christof Palm: Der erste Nachhaltigkeitsbericht des DOSB ist ein historischer und zugleich strategischer Meilenstein, der Nachhaltigkeit fest in den Werten des organisierten Sports verankert. Er schafft Transparenz über den Ist-Zustand, kann als Orientierungsinstrument für den gesamten organisierten Sport dienen und positioniert diesen mit seinen rund 86.000 Vereinen und Tausenden Verbänden als Motor für eine nachhaltige Entwicklung in der Zukunft. Er soll die Nachhaltigkeitsbemühungen über reine Umweltfragen hinaus auf soziale und ökonomische Dimensionen ausdehnen und signalisiert damit, dass Nachhaltigkeit keine optionale Kür, sondern eine Kernaufgabe mit gesellschaftspolitischer Verantwortung ist. 

Welche Signalwirkung geht von dem Bericht für Landesverbände und Vereine aus, die sich bereits mit Nachhaltigkeit beschäftigen – aber auch für jene, die noch am Anfang stehen?

Der DOSB nimmt mit dem Bericht eine Vorreiterrolle ein und setzt ein klares Zeichen, dass das Thema Nachhaltigkeit auf höchster Ebene des deutschen Sports nicht nur angekommen, sondern von höchster Bedeutung ist. Dies motiviert einerseits, übt vielleicht auch ein wenig Druck auf LSBs, Landes- und Spitzenverbände sowie Sportvereine aus, eigene Maßnahmen zu ergreifen. Der Bericht liefert fortgeschrittenen Organisationen Best-Practice-Beispiele und ermöglicht einen transparenten Vergleich und Wissensaustausch, etwa über den Hinweis auf das Webportal "Nachhaltige Sportveranstaltungen“. Für jene, die noch am Anfang stehen, bietet der Bericht eine klare Struktur und einen "roten Faden". Er demonstriert, dass Nachhaltigkeit bereits ganz nebenbei im Vereinsalltag geschieht, zum Beispiel im sozialen Bereich, bietet niedrigschwellige Einstiegspunkte und zeigt konkrete Handlungsfelder in den Bereichen Mobilität, Veranstaltungen oder Infrastruktur auf.

„Der Irrglaube, dass sich ein später Einstieg in Sport nicht lohnt, ist längst widerlegt“

Wenn am 6. Februar die Olympischen Winterspiele in Norditalien eröffnet werden, startet Bernd Wolfarth bereits in seine zwölften Spiele als Sportmediziner bei Olympia; zunächst zweimal für den Biathlon-Verband, 2008 in Peking als stellvertretender Chief Medical Officer und seit 2010 in Vancouver als Chefmediziner des Team D. Der 60-Jährige, der im Hauptberuf die Abteilung Sportmedizin der Charité in Berlin leitet, ist auf seinem Feld einer der anerkanntesten Experten. Für unsere Serie „20 Jahre DOSB“ spricht der gebürtige Freiburger über die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre im Bereich Gesunderhaltung durch Sport und gibt Tipps für den Einstieg ins Sporttreiben. 

DOSB: Bernd, du erlebst in Italien deine zwölften Olympischen Spiele, die neunten als Chief Medical Officer des DOSB. Verspürst du immer noch Vorfreude oder Aufregung, oder ist Olympia für dich Business as usual geworden?

Bernd Wolfarth: Auf keinen Fall, die Vorfreude ist immer noch groß, die Aufregung dagegen ein wenig geringer. Wenn man so oft in dieser Funktion verantwortlich war, kennt man die administrativen Abläufe und weiß, was einen erwartet. Das macht mich ein Stück weit gelassener. Die Vorfreude ist aber ungetrübt.

Was sind deine wichtigsten Aufgaben als leitender Olympiaarzt?

In erster Linie fungieren mein Team und ich als Ansprechpartner für das medizinische Personal der Fachverbände, die vor Ort sind. Meine Kollegin Katharina Blume und ich teilen uns die Zuständigkeiten für die sechs Cluster untereinander auf. Wenn es an einem Standort ein medizinisches Thema gibt, zum Beispiel, wenn Medikamente fehlen oder es einer Zweitmeinung zu einem medizinischen Problem bedarf, stehen wir zur Verfügung. Ich persönlich habe zudem einige medizinisch-administrative Aufgaben. Als Beispiele kann ich hier das Thema medizinische Ausnahmegenehmigungen oder den Austausch von Athletinnen und Athleten auf der Basis von medizinischen Gründen anführen. Hierfür ist die Kommunikation mit dem IOC oder den internationalen Fachverbänden beziehungsweise deren ärztlichen Kommissionen notwendig.

Unser Thema sollen heute nicht die Olympischen Spiele sein, sondern die Bedeutung von Sport in der Spitze und vor allem in der Breite für die Gesunderhaltung. Wie haben sich über die vergangenen 20 Jahre, die der DOSB existiert, die Bedarfe von Leistungssportler*innen in der Umsetzung von Gesundheitsthemen verändert?

Das ist ein sehr individueller Bereich, eine allgemeingültige Antwort kann ich hier nicht geben, da die Athletinnen und Athleten ganz unterschiedliche Zugänge zum Thema Gesundheit haben. Das ist von der jeweiligen Sportart ebenso abhängig wie von der persönlichen Geschichte. Was sich definitiv verändert hat, sind die Rahmenbedingungen, also die grundsätzliche Wahrnehmung des Themas Gesundheit und der Umgang damit. Dadurch dass sich jeder Mensch im Internet aus nahezu unerschöpflichen Quellen informieren kann, ist das Wissen in diesem Bereich deutlich gewachsen, aber auch die Unsicherheiten, weil viele nicht wissen, was sie mit all den Informationen anfangen sollen. Das ist eine Herausforderung für die Medizin, die viel Aufklärungsbedarf mit sich bringt.

Schauen wir auf den Breitensport. Wie unterscheidet sich die Herangehensweise an das Thema Gesunderhaltung im organisierten vom individuellen Freizeitsport?

Auch hier gibt es große individuelle Unterschiede. Es gibt Vereine, die sind in diesem Bereich so gut wie gar nicht aufgestellt. Aber in der Regel spielt der medizinische Aspekt von Sport im organisierten Bereich doch eine wichtige Rolle. Vereine und Verbände, die dem Leistungssport eine hohe Bedeutung zumessen, ermöglichen ihren Sportlerinnen und Sportlern oft umfangreichen Zugriff auf medizinische Versorgung. Im Breitensport spielt das Thema naturgemäß eine untergeordnete Rolle, da müssen sich Athletinnen und Athleten eher selbst um ihre Versorgung kümmern. Was wir zweifelsohne wahrnehmen, ist der Trend der Vereine, mehr Gesundheitsangebote zu machen, zum Beispiel Rehasport oder besondere Angebote für Kinder oder alte Menschen. Das sind Trends, die die Mitgliedergewinnung positiv beeinflussen. Zusammengefasst kann ich sagen, dass Gesunderhaltung und Therapie Felder sind, die eine höhere Bedeutung als früher haben, bei denen aber die intrinsische Motivation, sich darum zu bemühen, weiterhin eine wichtige Rolle spielt.

In welcher Form hat sich der Umgang mit dem Thema Gesunderhaltung durch Sport in der Gesellschaft in den vergangenen 20 Jahren verändert? Geht der Trend zum Körperkult einher mit einer erhöhten Bereitschaft, leistungsfördernde, aber gesundheitsgefährdende Substanzen zu konsumieren?

Für den Kraftsport lässt sich das anhand der wissenschaftlichen Datenlage schon konstatieren, da haben wir ein leistungsorientiertes Klientel, das sich nicht den im organisierten Sport vorhandenen Regelwerken unterwirft und eine deutlich niedrigere Hemmschwelle hat, sich solcher, in den Anti-Doping-Regeln des organisierten Sports verbotenen Substanzen zu bedienen. Im Allgemeinen sehe ich aber keine signifikante Zunahme auf diesem Gebiet. Was wir beobachten: Die Schere zwischen denen, die sich kaum oder gar nicht bewegen, und denen, die sehr umfänglich oder leistungsorientiert Sport treiben und dabei zu Extremen neigen, geht immer weiter auseinander. Das ist eine Herausforderung, der wir uns auch aus Sicht der Medizin stellen müssen.