Die Bedeutung von Bewegungsangeboten im öffentlichen Raum
Sport gehört zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten in Deutschland, und rund 80 % der über 16-Jährigen treiben regelmäßig Sport. Alle diese Menschen, ob sie aktiv Sport treiben oder auf andere Weise damit in Kontakt kommen, verknüpfen ihre sportlichen Aktivitäten mit Sportstätten. Diese sind ein unverzichtbarer Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie laden Menschen dazu ein, sich zu bewegen, Lebensfreude zu erfahren, sich zu begegnen und ihre Gesundheit zu fördern. Sportstätten bilden die Basis für den Breiten- und Leistungssport, dem fast 28 Millionen Mitglieder des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) angehören, sowie für den Schulsport und die Ausbildung von Sportlehrern an Hochschulen. In städtischen und ländlichen Gebieten bieten sie nicht nur Raum für Bewegung, sondern auch wichtige Treffpunkte, die das Gemeinschaftsgefühl und die Identität von Städten und Gemeinden stark prägen. Darüber hinaus trägt der Sport erheblich zur Stärkung der Demokratie bei, indem er Teamgeist, Toleranz und Fairness fördert. Sportstätten sind – neben Personal und Finanzmitteln – die wichtigste Ressource des Sports.
Wohl wissend der Bedeutung von Sportstätten, wurden in den letzten Jahren einige Herausforderungen deutlich: der Zustand vieler Sportstätten ist mangelhaft, Sportstätten werden in Krisenzeiten zweckentfremdet und außerdem hat sich das Sportverhalten der Bevölkerung gewandelt:
In Deutschland gibt es rund 231.000 Sportstätten, darunter Sportvereinszentren, Stadien, Sporthallen, Bäder, Schießsportstätten und vieles mehr. Dazu kommen rund 370.000 Kilometer Reitwege, Laufstrecken oder Loipen. Das ist eine beeindruckende Bilanz, kein ein anderes Land der Welt weist eine solche Vielzahl an Sportstätten auf. Diese Vielzahl an Sportgelegenheiten ist grundsätzlich auf die Sportstättenbauoffensive „Goldener Plan“ in den 1960er bis 1980er respektive „Goldener Plan Ost“ in den 1990er und 2000er Jahren zurückzuführen. Dadurch konnte in rein quantitativer Sicht der Bedarf an Sportstätten in Deutschland gedeckt werden. Doch viele dieser Anlagen sind inzwischen veraltet und sanierungsbedürftig. Dies liegt daran, dass seither keine große bundesweit angelegte Sportstättenbauinitiative durchgeführt wurde.
Neue Konzepte zum Sporttreiben entwickeln
In jüngster Zeit zeigt sich immer deutlicher, dass Sportstätten von ihrer eigentlichen Funktion abweichen. So wurden sie beispielsweise als Wahllokale, Impfzentren oder Veranstaltungsorte genutzt. Während der Flüchtlingskrise dienten sie sogar als Unterbringungsmöglichkeiten. Besonders während der Hochphase der Corona-Pandemie waren viele Sportstätten für den Sport gänzlich unbrauchbar.
Darüber hinaus haben sich die Bedürfnisse der sportaktiven Bevölkerung verändert, die u.a. durch den demographischen Wandel sowie Veränderungen des Sporttreibens ausgelöst werden. Daher entsprechen viele Funktionen der Sportstätten nicht mehr den aktuellen Anforderungen.
Es gilt also mehr denn je diese Herausforderungen als Chance zu sehen. In Zeiten, in denen sich Menschen immer stärker individualisieren, gilt es neue Konzepte zum Sporttreiben zu entwickeln. Auch der gemeinwohlorientierte Sport hat diesen Trend für sich entdeckt und sich proaktiv mit dieser Thematik befasst.
Von Mai 2022 bis April 2024 führte der DOSB das von der Europäischen Kommission geförderte Projekt „SPORTOUT: Sportvereine draußen stark machen – Gesunde Sportangebote nachhaltig in der Natur gestalten“ durch. SPORTOUT hat durch innovative Maßnahmen und Bewegungsformen Antworten auf die aktuellen Herausforderungen der Mitgliedergewinnung und -bindung in Sportvereinen und -verbänden gegeben. Darüber hat das Projekt dazu beitragen, Vereine fit für die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu machen. Sie dazu motiviert, Innovationen in den Bereichen der Angebots- und Mitgliederentwicklungen zu wagen – mit einem besonderen Schwerpunkt für gesundheitsfördernde Angebote im Freien – und damit ihre Attraktivität erhöht. Als ein zentrales Ergebnis des Projektes wurde eine hilfreiches Wissensportal erarbeitet, welches Informationen und Handlungsempfehlungen zum Sport im Freien gibt.
„Wo Sportvereine stark sind, bleibt Gemeinschaft lebendig“
Sandy Adam ist seit Februar 2026 Professor für Management/Sportmanagement und Studiengangsleiter Management an der Fachhochschule für Sport und Management Potsdam. Sport ist für ihn nicht nur berufliches Themenfeld, sondern täglicher Begleiter – mal aktiv, mal beobachtend, aber immer präsent. Besonders der Fußball hat seinen Blick geprägt. Beim SV Oberschöna 1902 e. V. in seiner sächsischen Heimat war der 48-Jährige lange Zeit als Spieler aktiv, später auch als Trainer der Männermannschaft. Seit mehr als 15 Jahren ist er dort zudem ehrenamtlich in der Abteilungsleitung Fußball engagiert, seit November 2025 auch als Vorsitzender des Gesamtvereins mit 280 Mitgliedern und acht Sparten. „Wer einen Sportverein auf diese Weise erlebt, lernt schnell, was dort wirklich zählt – und was es heißt, Verantwortung für Menschen, Strukturen und Entscheidungen zu tragen“, sagt er. Aus dieser wissenschaftlichen und persönlichen Perspektive ordnet Professor Adam ein, welche Rolle ehrenamtliches Engagement für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt.
DOSB: Herr Professor Adam, in Deutschland gibt es aktuell fast 377.000 eingetragene Vereine, rund 86.000 davon sind Sportvereine. Warum sind wir eine solche Vereinsnation?
Sandy Adam: Das Vereinswesen, das im 19. Jahrhundert entstanden ist, ist historisch gewachsen. Vereine sind Institutionen der bürgerlichen Selbstorganisation, sie sind sozial tradiert und in der Gesellschaft und in den Köpfen der Menschen tief verwurzelt. Ein Verein ist in Deutschland ein zentraler Anlaufpunkt, wenn es um Engagement und zivilgesellschaftliche Organisation geht. Allerdings sehen wir im nationalen Vergleich durchaus Unterschiede im Organisationsgrad. Während in Bayern oder Baden-Württemberg rund 36 bis 38 Prozent der Menschen in Sportvereinen organisiert sind, liegt die Quote in Brandenburg, wo ich arbeite, oder in Sachsen, wo ich herkomme, bei rund 16 bis 18 Prozent. Das liegt auch daran, dass sich das Vereinswesen in Ostdeutschland nach der Wende unter veränderten institutionellen Bedingungen neu aufbauen musste. Aber generell sehen wir im organisierten Sport einen hohen und zuletzt wieder steigenden Organisationsgrad, der die Bedeutung von Sportvereinen unterstreicht.
Gibt es Vergleichbares auch in anderen Ländern?
International nimmt Deutschland im organisierten Sport durchaus eine besondere Stellung ein. Es gibt zwar auch andere Länder, die wir als Wohlfahrtsstaaten bezeichnen, in denen zivilgesellschaftliche Organisationen wie Sportvereine ebenfalls eine bedeutende Funktion haben, etwa die Niederlande, die skandinavischen Länder, Österreich oder die Schweiz. Aber die Kombination aus einem dicht ausgebauten, gemeinnützigen Vereinssystem, vergleichsweise moderaten Mitgliedsbeiträgen und einem sehr breiten Sportangebot ist in Deutschland besonders ausgeprägt.
Worin sehen Sie die wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen, die Sportvereine erfüllen?
In erster Linie bieten Sportvereine die Möglichkeit, in der Gemeinschaft Sport zu treiben. Da geht es auch um Gesundheitsziele, aber ebenso um soziale Einbindung, Gemeinschaftserfahrungen und den Aufbau von Netzwerken. Menschen miteinander zu verbinden und Netzwerke aufzubauen, die stabilisierend wirken, ist ein Themenfeld, auf dem Sportvereine als verbindende Plattform wirken können. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft hat eine starke identitätsstiftende Funktion. Dazu kommt, dass Sportvereine demokratische Teilhabe ermöglichen. In eingetragenen Vereinen bestehen für Mitglieder grundsätzlich Mitwirkungs- und Beteiligungsmöglichkeiten, etwa über Wahlen und Mitgliederversammlungen. Somit können Vereine eine Schule der Demokratie sein – nicht im engen politischen Sinn, sondern im Bereich der gelebten Demokratie.
Welche dieser Funktionen sind durch den Mangel an Ehrenamtlichen bedroht?
Grundsätzlich sind davon nahezu alle zentralen Funktionen betroffen, denn laut des jüngsten Sportentwicklungsberichts sieht sich mehr als jeder sechste Verein wegen unterschiedlichster Probleme, die mit dem Mangel an Ehrenamtlichen zusammenhängen, in seiner Existenz gefährdet. Die stetig steigende Zahl von Mitgliedschaften und die zugleich vielfach als unzureichend empfundene personelle Ausstattung im Ehrenamt besorgen mich unter diesen Gesichtspunkten durchaus. In Ballungsräumen gibt es vielerorts lange Wartelisten und Aufnahmestopps, auch das sorgt dafür, dass die Attraktivität von Sportvereinen leidet und manche Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, zumindest zeitweise keinen Zugang zu Angeboten im Verein finden. Wenn ein Verein nicht ausreichend Trainerinnen und Übungsleiter hat, kann er kein ausreichendes Trainingsangebot unterbreiten und unter Umständen auch nicht am Wettkampfbetrieb teilnehmen. Auch darunter leidet die Attraktivität eines Vereins. Sporttreiben ist sehr wichtig für die Gesunderhaltung. Das könnte aber zur Not auch ohne die Mitgliedschaft in einem Verein passieren, es gibt viele private Angebote oder auch viele Möglichkeiten des Sporttreibens im öffentlichen Raum. Aber im Fitnessstudio oder beim Solo-Joggen entwickelt sich typischerweise meist weniger Gemeinschaftsgefühl, und auch die demokratischen oder identitätsstiftenden Funktionen werden dadurch tendenziell geschwächt. Insbesondere auf dem Land brechen Anker der Gemeinschaft weg, wenn Sportvereine ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen können, und das ist gesellschaftlich hochproblematisch.
DOSB gratuliert KölnRheinRuhr und Kiel zu erfolgreichen Referenden
Die wahlberechtigten Bürger*innen in NRW haben ein starkes Signal gesetzt und sich in den am Konzept KölnRheinRuhr beteiligten Kommunen mit großer Mehrheit für eine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele ausgesprochen. Das kommunenübergreifende vorläufige Gesamtergebnis, ermittelt nach dem demokratischen Prinzip „One Person – One Vote“, das zur Bewertung in die Matrix des DOSB einfließt, liegt bei 66,0 % Zustimmung in der Region KölnRheinRuhr. Auch in Herten, gemeinsam mit Recklinghausen als Austragungsort für die Mountainbike-Wettbewerbe vorgesehen, sprach sich eine Mehrheit für die Olympiabewerbung aus. Dort wurde jedoch das nötige Quorum (15 %) knapp verfehlt.
Rund 1,4 Millionen Menschen gaben ihre Stimme ab. Insgesamt waren über 4 Millionen Bürger*innen ab 16 Jahren zur Abstimmung aufgerufen.
Ebenfalls abgestimmt wurde am möglichen Segelstandort Kiel. Die Kielerinnen und Kieler sprachen sich mit 63,5 % für olympische und paralympische Wettbewerbe in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins aus. Die Wahlbeteiligung in Kiel lag bei 29,1 %. Neben Kiel steht mit Rostock-Warnemünde ein zweiter Standort für Segelwettbewerbe zur Auswahl.
Bis zum 4. Juni haben die vier nationalen Bewerber Berlin, Hamburg, KölnRheinRuhr und München noch die Möglichkeit, ihr jeweiliges Konzept zu finalisieren und beim DOSB einzureichen. Am 26. September 2026 wird dann eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB darüber entscheiden, welcher Kandidat Deutschland beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vertreten wird.

