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Triumph statt Abschied: Die wunderbare Wandlung des Marvin Dogue

Dieser Sommer hätte ganz anders aussehen können. „Ich hätte mir Zeit genommen, um mein BWL-Studium zu beenden, und nebenbei in irgendwelchen Studentenjobs Geld zu verdienen versucht“, sagt Marvin Dogue. Doch anstelle von Aushilfsjobs in Potsdam sieht das Programm des 30-Jährigen für die kommenden Monate Reisen in die Türkei und nach China vor, wo er bei den Saisonhöhepunkten seiner Sportart als frischgebackener Gesamtweltcupsieger um Medaillen mitkämpfen möchte. Und wenn Marvin die Monate, die hinter ihm liegen, in einem Satz zusammenfasst, dann klingt das so: „Im Nachhinein kann ich schon sagen, dass ich Glück gehabt habe!“

Glück hat bekanntlich der Tüchtige, und dass er seit vielen Jahren alles dafür gibt, im Modernen Fünfkampf zur Weltspitze zu zählen, würde niemand dem deutschen Vorzeigeathleten absprechen. Dennoch stand Marvin Dogue im vergangenen Jahr vor der Entscheidung, seine Karriere vorzeitig zu beenden. Zum einen waren es die ständigen Querelen auf nationaler Ebene, auf der sich zwei Dachverbände parallel um ihre Verantwortungsbereiche stritten und den Athletinnen und Athleten die Ausübung ihres Berufs erschwerten, die ihn zermürbten. Zum anderen stellte sich die Frage, ob er im fortgeschrittenen Leistungssportleralter noch in der Lage wäre, die Neuerungen in seiner Sportart in einer Form umzusetzen, die ihn konkurrenzfähig würde bleiben lassen.

Im Zuge der Olympischen Spiele von Tokio 2021 hatte der Weltverband entschieden, das Springreiten als Disziplin zu streichen und durch einen Hindernislauf zu ersetzen. Nachdem im Jahr 2009 Schießen und Laufen bereits zum sogenannten Laser Run zusammengefasst worden waren, markierte die Abkehr vom Pferdesport einen echten Paradigmenwechsel. „Das Erlernen einer komplett neuen Disziplin hatte einen deutlichen Einfluss auf unsere Sportart, und auch ich war mir nicht sicher, ob ich den Anschluss an den Nachwuchs würde halten können. Der Fünfkampf hat sich seit den Olympischen Spielen in Paris um 50 Prozent verändert“, sagt Marvin angesichts der Tatsache, dass die Olympiastarter von Paris 2024 noch im Reiten antreten mussten, die nachfolgende Generation aber seit der im November 2021 getroffenen Entscheidung, den Hindernislauf einzuführen, nur noch die neue Disziplin trainierte und deshalb gut zwei Jahre Vorsprung hatte. Deshalb schien das Karriereende eine realistische Option zu werden, „auch wenn ich eigentlich nicht mit etwas aufhören wollte, worin ich richtig gut war und was mir sehr viel Spaß machte. Aber wenn du dich jeden Tag im Training fragst, wofür du die ganzen Mühen überhaupt auf dich nimmst, ist das auch nicht gerade leistungsfördernd“, sagt er rückblickend.

Hindernislauf passt gut zu Marvins körperlichen Voraussetzungen

Nachdem ihm jedoch von Verbandsseite und der Bundeswehr, die ihn als Sportsoldat fördert, im Herbst 2025 eröffnet wurde, dass man ihn gern weiterhin im Bundeskader sähe, entschied sich der gebürtige Ludwigshafener, der in Bayern aufwuchs und als 13-Jähriger ans Internat des Bundesstützpunkts Potsdam wechselte, für die Fortsetzung der Karriere. Auch deshalb, weil er im Training gemerkt hatte, dass die neue Disziplin gut zu seinen körperlichen Voraussetzungen passen könnte. „Ich bin koordinativ durchaus begabt und kann im Obstacle Run meine Körpergröße von 1,90 Metern gewinnbringend einsetzen, zum Beispiel, indem ich sehr weit springe.“ Das Reiten, „das bei mir immer eine Hopp-oder-Topp-Disziplin war“, vermisse er nicht. Seine Paradedisziplin Fechten ist von den Veränderungen nicht berührt, dazu kam die glückliche Fügung, dass die Distanz im Schwimmen, das Marvin als seine schwächste Disziplin einordnet, von 200 auf 100 Meter verkürzt war. „Dadurch bin ich auch dort anschlussfähiger geworden.“

Marvin Dogue, der bei seiner Olympiapremiere für das Team Deutschland in Paris Rang acht belegt hatte, kann nachvollziehen, dass Traditionalisten mit den Veränderungen im Fünfkampf hadern. Er selbst ist jedoch der Meinung, dass die Attraktivität seines Sports nicht gelitten, sondern im Gegenteil eher zugenommen habe. „Beim Reiten passierten doch häufiger Fehler, auch die Ästhetik hat manchmal gelitten. Der Hindernislauf sorgt für eine ganz andere Dynamik, die Zuschauer werden die ganze Zeit über gut unterhalten“, sagt er. Dass sich die Szene verändert habe, weil andere Arrivierte sich für ein Karriereende entschieden oder mit der jüngeren Konkurrenz in ihren Nationalteams nicht mehr mithalten konnten, wolle er nicht verhehlen. „Aber es muss ja nicht schlecht sein, dass es jetzt eine Menge neuer Gesichter gibt“, sagt er.

„Die Faszination des Radsports beginnt schon in der Kindheit“

DOSB: Bernd, aktuell läuft die Tour de France, das bekannteste Radrennen der Welt. Welche Strahlkraft hat dieses Event auch für den deutschen Radsport?

Die Tour de France begeistert seit ihrer ersten Austragung Millionen Menschen weltweit – im Fernsehen, aber vor allem direkt an der Strecke. Ein Radrennen hautnah zu erleben, ist etwas Besonderes und entfaltet eine enorme Strahlkraft. Das gilt umso mehr, wenn deutsche Fahrer erfolgreich sind. Für uns als Verband ist die Tour deshalb enorm wichtig. Sie macht Lust aufs Radfahren, schafft Identifikationsfiguren und motiviert viele Menschen, selbst aktiv zu werden – sei es im Verein, bei einer Jedermann-Veranstaltung oder einfach in der Freizeit. Von dieser Aufmerksamkeit profitiert der gesamte Radsport in Deutschland.

Welche Auswirkungen haben Erfolge deutscher Sportler wie der von Florian Lipowitz im vergangenen Jahr oder auch von Jan Ullrich oder Erik Zabel auf die Mitgliederzahlen in deutschen Vereinen? Treten mehr Menschen in Radsportvereine ein, wenn die Topprofis erfolgreich sind?

Erfolge deutscher Fahrerinnen und Fahrer – aktuell etwa von Florian Lipowitz und Franziska Koch – schaffen Aufmerksamkeit und Begeisterung. Wie in vielen anderen Sportarten sind erfolgreiche Athletinnen und Athleten wichtige Identifikationsfiguren. Sie wecken Begeisterung für den Radsport und geben vielen Menschen den Anstoß, selbst aktiv zu werden. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einzelnen sportlichen Erfolgen und steigenden Mitgliederzahlen können wir allerdings nicht belastbar belegen. Dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Unabhängig davon entwickeln sich unsere Mitgliederzahlen erfreulich. Im vergangenen Jahr konnten wir die Zahl unserer Mitgliedschaften um gut zwei Prozent auf rund 153.500 steigern. Entscheidend ist, dass die Begeisterung vor Ort durch attraktive Vereinsangebote aufgegriffen wird.

Welche internationalen Veranstaltungen sind weitere Leuchttürme, und welchen Stellenwert haben die größten deutschen Rennen wie Lidl Deutschland Tour, ADAC Cyclassics oder Eschborn-Frankfurt für German Cycling?

Neben der Tour de France gehören der Giro d’Italia und die Vuelta zu den großen internationalen Leuchttürmen unseres Sports. National haben wir mit Eschborn-Frankfurt, Rund um Köln, den ADAC Cyclassics, dem Sparkassen Münsterland Giro und der Lidl Deutschland Tour herausragende Veranstaltungen. Diese sind für German Cycling von großer Bedeutung. Sie machen die Faszination des Radsports erlebbar, bringen die Menschen mit ihren Idolen zusammen und motivieren viele, selbst aufs Rad zu steigen. Besonders wertvoll ist dabei die Verbindung von Spitzen- und Breitensport: Viele Veranstaltungen bieten neben den Profirennen auch Jedermann- und Nachwuchswettbewerbe und schaffen so einen direkten Zugang zum organisierten Radsport.

In der Pandemie war auch Radsport eine der Sportarten, die eher zu den Gewinnern zählte, weil es im Freien und mit Abstand möglich ist. Wie haben sich eure Mitgliederzahlen über die vergangenen zehn Jahre entwickelt, und was waren die wichtigsten Treiber dieser Entwicklung?

Unsere Mitgliederzahlen haben sich in den vergangenen zehn Jahren insgesamt positiv entwickelt. Aktuell zählt German Cycling, wie schon erwähnt, rund 153.500 Mitgliedschaften – ein Plus von gut zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig ist die Begeisterung für den Radsport in dieser Zeit noch stärker gewachsen. Ein Grund dafür ist, dass gerade das Rennradfahren heute vielfach auch außerhalb klassischer Vereinsstrukturen stattfindet. Zu den wichtigsten Treibern dieser Entwicklung zählen das gestiegene Gesundheitsbewusstsein, die Freude an Bewegung und die große Vielfalt unseres Sports. Radfahren lässt sich in jedem Alter, auf ganz unterschiedliche Weise und mit individueller Intensität ausüben. Unsere Aufgabe ist es, möglichst viele dieser Menschen langfristig für den organisierten Radsport und unsere Vereine zu gewinnen.

Im Laufen gibt es die Entwicklung, dass sich abseits von Vereinen private Running Clubs bilden. Wie ist die Lage dahingehend im Radsport, und wie geht ihr mit solch zusätzlicher Konkurrenz um?

Die Entwicklung im Radsport ist durchaus vergleichbar mit der im Laufsport. Immer mehr Communities organisieren sich außerhalb klassischer Vereinsstrukturen. Das sehen wir nicht als Konkurrenz, sondern freuen uns darüber, dass sich immer mehr Menschen für den Radsport begeistern. Natürlich wünschen wir uns, dass möglichst viele von ihnen den Weg in unsere Vereine finden. Denn Vereine bieten weit mehr als gemeinsame Ausfahrten. Sie stehen für Gemeinschaft, qualifizierte Trainerinnen und Trainer, Nachwuchsförderung, Wettkampfmöglichkeiten und ehrenamtliches Engagement. Genau darin liegt ihre besondere Stärke.

„Bewegung beginnt mit Begeisterung“

DOSB: Lysann, wenn man heute auf die MINI BIKER und inzwischen auch auf die MIDI BIKER blickt, wirkt alles wie ein durchdachtes Gesamt-Nachwuchskonzept. Wie hat alles angefangen?

Lysann Schmeiser: Tatsächlich begann alles mit einer einfachen, aber wichtigen Beobachtung: Kinder bewegen sich immer weniger. Gleichzeitig fehlen vielen Kindern grundlegende motorische Erfahrungen, die früher selbstverständlich waren. Für uns war klar: Als Radsport-Dachverband möchten wir einen Beitrag leisten, um Kinder wieder stärker für Bewegung zu begeistern. Auf der Strukturtagung des Bundes Deutscher Radfahrer hatten der damalige Präsident Rudolf Scharping und Marco Rossmann, heute Jugendsekretär von German Cycling und stellvertretender Generalsekretär, die Idee, dass wir – vergleichbar mit Bambini-Fußball oder Kleinkindturnen – ein bundesweites Bewegungsangebot auf Rädern schaffen müssen. Der Ansatz sollte bewusst niedrigschwellig sein: ohne Leistungsdruck, aber mit ganz viel Freude an Bewegung. So entstand Anfang 2023 – inspiriert von den Mini Bikern des RSV Seeheim und den Rad-Raketen des RSV Mainz-Ebersheim – die Idee der MINI BIKER. Unser Ziel war es, Kindern zwischen zwei und sechs Jahren spielerisch Bewegungserfahrungen auf zwei, drei oder vier Rädern zu ermöglichen. Dabei ging es von Anfang an um weit mehr als das Fahrradfahren. Es ging um Rollen, Gleichgewicht, Koordination, Selbstvertrauen, soziale Teilhabe und vor allem darum, allen Kindern positive Bewegungserlebnisse zu ermöglichen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Wohnort oder sozialem Hintergrund. Deshalb entwickelten wir eine Materialbox mit Hütchen, Seilen, Markierungshauben, Stangen und einer altersgerechten Rampe. Vereine, Kitas und weitere Einrichtungen konnten sie kostenlos anfordern. Ergänzt wurde sie durch Parcoursmaterialien, Anleitungen und pädagogische Hilfestellungen, die eine altersgerechte und spielerische Förderung der Bewegungskompetenz ermöglichten und eine unmittelbare Umsetzung der Angebote unterstützten.

Wie wurde das Angebot angenommen?

Die Resonanz hat selbst uns überrascht. Die Nachfrage war enorm. Bereits im ersten Projektjahr wurden 290 MINI-BIKER-Boxen deutschlandweit in alle 16 Bundesländer verschickt. Besonders erfreulich war, dass die Angebote sowohl von Vereinen als auch von Kitas aufgegriffen wurden. Unsere Evaluation zeigte außerdem, dass wir knapp 6.000 Kinder erreicht haben, von denen 2.628 regelmäßig an den Bewegungsangeboten teilnahmen. Besonders wichtig war für uns, dass wir viele Kinder erreicht haben, die bislang wenig Berührung mit Sport und Vereinen hatten.

Was habt ihr aus der Evaluation gelernt?

Die Ergebnisse haben uns bestätigt, dass dies der richtige Ansatz ist. Die Einrichtungen berichteten insbesondere von Verbesserungen bei Gleichgewicht und Koordination, motorischen Fähigkeiten, Fahrsicherheit, Selbstvertrauen, Freude an Bewegung und sozialem Miteinander. Außerdem wurde deutlich, dass Kinder besonders dann profitieren, wenn die Angebote regelmäßig stattfinden und pädagogisch begleitet werden. Diese Erkenntnisse waren zugleich der Ausgangspunkt für den nächsten Entwicklungsschritt.

Damit sind wir bereits im zweiten Projektjahr. Was hat sich dort verändert?

Im zweiten Jahr lag unser Fokus auf Qualität und Nachhaltigkeit. Material allein reicht nicht aus – Menschen machen Projekte erfolgreich. Deshalb erweiterten wir das Konzept um Handbücher, Schulungsunterlagen, Kartenmaterialien sowie Fortbildungs- und Zertifikatsangebote für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Gleichzeitig wurden Themen wie Kinderschutz, pädagogische Grundlagen sowie mentale Gesundheit integriert. Dadurch konnten Ehrenamtliche, Trainerinnen und Trainer sowie pädagogische Fachkräfte die Angebote fachlich fundiert umsetzen und langfristig in ihren Einrichtungen verankern.

Wann entstand dann die Idee der MIDI BIKER?

Eigentlich aus einer spannenden Erkenntnis heraus. Unsere Evaluation zeigte, dass fast ein Drittel der erreichten Kinder bereits älter als die ursprüngliche Zielgruppe waren. Parallel wurde die bundesweite Förderkampagne „MOVE“ der Deutschen Sportjugend unter dem Motto „MOVE FOR ALL“ fortgeführt. Genau daraus entstanden die MIDI BIKER. Wir wollten die Entwicklungsreise konsequent weiterdenken und Kindern wie Jugendlichen zwischen sieben und 14 Jahren passende Anschlussangebote bieten. Während bei den MINI BIKERN das spielerische Rollen und die Entwicklung grundlegender Bewegungsmuster im Vordergrund stehen, geht es bei den MIDI BIKERN stärker um Fahrtechnik, Selbstständigkeit, Mobilität, Verantwortung und Gemeinschaft.